Wann hast Du das letzte Mal wirklich gespürt, wann Du satt bist?

Kategorie: Essstörung

Veröffentlicht: 09.06.2026

Artikel Von: Janina Eilts

Du isst und isst, doch dieses Gefühl von „jetzt ist gut“ kommt einfach nicht. Oder Dein Magen knurrt nicht mehr, Du spürst keinen Hunger, und Du fragst Dich, woher Dein Körper überhaupt weiß, wann er essen soll. Vielleicht hast Du auch schon beides, in unterschiedlichen Phasen erlebt. Du fühlst Dich entkoppelt von Deinem eigenen Körper. Als würdet Ihr in zwei verschiedenen Sprachen sprechen.

Hier geht es um den Sättigungsverlust, der durch eine Essstörung entsteht. Nicht um allgemeine Sättigungstipps zum Abnehmen. Wenn Du in der Recovery einer Essstörung bist, seit Monaten streng nach Plan isst, nach langer Restriktion Dein Hunger- und Sättigungsgefühl verloren hast oder vielleicht in der Quasi-Recovery steckst, bist Du hier richtig.

Mein Sättigungsgefühl war über Jahre hinweg komplett weg. In der Magersucht hatte ich keine Ahnung mehr, was eine normale Portion ist. In der Bulimie habe ich gegessen, bis mein Magen sich anfühlte, als würde er platzen. Heute esse ich wieder intuitiv, kein Reset, kein Trick. Es war ein langsames neurobiologisches Wiedererlernen.

Du bist nicht kaputt. Dein Sättigungsgefühl auch nicht. Es schläft. Und Körper, die schlafen, kann man wecken.

Das Wichtigste in 60 Sekunden:
  • Sättigungsverlust ist kein Versagen. Er ist die logische biologische Antwort Deines Körpers auf lange Restriktionen, Essanfälle oder hormonelle Erschöpfung.
  • Heilung beginnt mit Versorgung. Du holst Hunger und Sättigung nicht zurück, indem Du auf sie wartest. Du holst sie zurück, indem Du Deinem Körper konsistent gibst, was er braucht, auch wenn er gerade nichts meldet.
  • Plastizität ist Dein Verbündeter. Die Magen-Dehnungsrezeptoren, der Vagusnerv und das Hormonsystem sind veränderbar in beide Richtungen.
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Was Sättigung im Körper wirklich ist

Wir sagen „satt“ und meinen damit meistens, dass der Magen voll ist. Aber das stimmt nur zu einem kleinen Teil. Sättigung ist kein Schalter im Magen. Es ist vielmehr ein Gespräch zwischen Verdauungstrakt, Hormonen, Gehirn und Deinen Sinnen. Wenn Du verstehst, wie dieses Gespräch funktioniert, verstehst Du auch, warum es in der Essstörung verstummt.

Hypothalamus, Ghrelin und Leptin als zentrale Steuerung

Die Schaltzentrale für Hunger und Sättigung sitzt nicht in Deinem Bauch. Sie sitzt in Deinem Gehirn, in einer Region namens Hypothalamus. Dieser kleine Bereich entscheidet, ob Du Hunger spürst, wie stark und wann das Gefühl wieder geht. Er trifft diese Entscheidung nicht allein. Er hört zu. Er lauscht den Signalen, die Dein Körper ihm dauernd schickt.

Zwei Hormone führen dieses Gespräch hauptsächlich. Ghrelin ist Dein Hungerhormon. Es wird vor allem im Magen gebildet, steigt vor Mahlzeiten an und fällt nach dem Essen wieder ab. Leptin ist Dein Sättigungshormon. Es wird in den Fettzellen produziert und meldet dem Hypothalamus, wie viel Energie Dein Körper langfristig zur Verfügung hat. Ghrelin sagt: „Hol Dir was.“ Leptin sagt: „Es ist genug da, Du kannst loslassen.“

Wie beeinflusst die Essstörung Leptin?

Wenn Du über lange Zeit zu wenig isst, sinkt Dein Leptinspiegel drastisch. Und ein niedriger Leptinspiegel ist nicht nur ein Laborwert. Er verändert, wie Dein Gehirn aufs Essen reagiert.

Wenn der Leptinspiegel zu niedrig wird, kann Dein Gehirn das Sättigungsgefühl nicht mehr richtig erzeugen. Selbst wenn Du Dir dann mit dem Kopf fest vornimmst, wieder normal zu essen, lässt Dein Körper das auf einer tieferen, biologischen Ebene nicht zu. Hebebrand nennt diesen Zustand „Entrapment“ also eine Art Falle, in der man feststeckt.

Das ist eine wichtige Botschaft, weil sie Dich entlastet. Wenn Du in einer langen Restriktionsphase warst und jetzt das Gefühl hast, irgendwas in Dir lässt Sättigung nicht zu, dann ist das keine Einbildung. Das gilt auch nach längeren restriktiven Phasen, etwa nach Diäten, Stillzeiten oder anderen Lebensphasen mit hoher körperlicher Belastung. Das ist messbare Biochemie.

Magen-Dehnung, Darmsignale und Sinneswahrnehmung

Neben Ghrelin und Leptin reden noch andere Stimmen mit. Dein Magen besitzt Dehnungsrezeptoren in seiner Wand. Sobald sich der Magen ausdehnt, also Volumen aufnimmt, melden diese Rezeptoren über den Vagusnerv ans Gehirn: „Es kommt was an.“ Das ist die schnelle Spur des Sättigungsgefühls. Sie reagiert auf Volumen, nicht auf Nährstoffe.

Dein Darm ist die langsamere Spur. Wenn die Nahrung den Magen verlässt und in den Dünndarm wandert, geben spezielle Zellen dort weitere Sättigungshormone frei, unter anderem GLP-1, CCK und PYY. Diese Hormone melden ans Gehirn nicht nur, dass etwas da ist, sondern auch, was da ist. Wie viel Eiweiß, wie viel Fett, wie viel Kohlenhydrate? Sie sind der Grund, warum Dich ein Schokoriegel anders sättigt als 500 Gramm Gurken, obwohl die Gurken viel mehr Volumen haben.

Sättigung ist also kein einziger Vorgang, sondern besteht aus zwei getrennten Prozessen. Der Sättigungs-Onset ist der Moment, in dem Du aufhörst, zu essen. Die Sättigung selbst ist das Gefühl danach, das Dich davon abhält, gleich wieder loszulegen. Beide werden von unterschiedlichen Signalen gesteuert und laufen unterschiedlich schnell ab. Dies wurde von Costa und Kollegen auch in einer Übersichtsarbeit beschrieben.

Oft wird die dritte Ebene vergessen, Deine Darmflora. Über die Darm-Hirn-Achse beeinflussen die Bakterien in Deinem Darm aktiv, wie Dein Gehirn Sättigung wahrnimmt. Verändert sich das Mikrobiom, verändert sich auch das Sättigungsgefühl. Dies zeigen Yu und Kollegen 2021.

Das ist deshalb so wichtig, weil eine Essstörung das Mikrobiom stark durcheinanderbringt. Denn Restriktion, Erbrechen oder einseitiges Essen verschieben die Bakterienzusammensetzung messbar. Es geht also nicht nur um Hormone, sondern um ein ganzes Ökosystem im Körper.

Warum Sättigung mehr ist als „Magen voll“

Stell Dir vor, Du isst eine große Schüssel Salat, ohne Dressing, Eiweiß oder Fett. Dein Magen ist voll, aber Dein Darm meldet ans Gehirn, dass kaum Nährstoffe angekommen sind. Eine Stunde später hast Du schon wieder Hunger und fühlst Dich verrückt. Dabei reagiert Dein Körper völlig logisch. Das ist auch der Grund, warum Strategien wie Volumen Food auf Dauer nicht sättigen.

Isst Du etwas Nährstoffdichtes, meldet sich schon bei halb vollem Magen ein leises „okay, gut so“. Das ist Sättigung und sie ist etwas anderes als Vollsein.

Dazu kommen noch Deine Sinne, eine Ebene, die oft unterschätzt wird. Denn wie das Essen aussieht, wie es riecht, ob Du es magst, ob Du in Ruhe isst oder im Stehen, all das beeinflusst, wie satt Du wirst. Dein Gehirn registriert also nicht nur, ob Nahrung ankommt, sondern auch, ob ein Mahlzeit-Erlebnis stattgefunden hat. Fehlt dieses Erlebnis, fehlt auch ein Stück Sättigung, auch bei voller Kalorienzahl.

Genau deshalb hat Dich damals der heimlich vor dem Kühlschrank gegessene Joghurt nicht satt gemacht. Und genau deshalb sättigt Dich heute eine in Ruhe gegessene warme Mahlzeit auf eine Art, die mit Kalorien allein nicht zu erklären ist.

Sättigung ist also kein Schalter, sondern ein Orchester. In diesem Orchester spielen Hormone, Magen, Darm, Mikrobiom, Sinne und Gehirn mit. Ist ein Instrument verstimmt, klingt das Stück schief. In einer Essstörung sind viele Instrumente gleichzeitig verstimmt. Deshalb kommt die Sättigung nicht „einfach so“ zurück. Aber wo viele Stimmen mitreden, kann man auch viele Stellen wieder einstimmen.

Wie Sättigung und Hunger in der Essstörung verloren gehen

Sättigungsgefühl

Hunger und Sättigung verschwinden nicht zufällig. Dein Körper trainiert sie sich ab, Schritt für Schritt, weil Du ihm über lange Zeit nicht mehr zuhörst. In jeder Essstörungsform passiert das auf eine andere Art. Das Ergebnis fühlt sich am Ende ähnlich an, der Weg dorthin ist aber unterschiedlich.

Magersucht: Wenn der Körper in den Energiesparmodus schaltet

Bei der Magersucht bekommt Dein Körper über Wochen, Monate oder Jahre zu wenig Energie. Dadurch gelangt er in den Hungerstoffwechsel.

Zudem schrumpft Dein Magen funktionell (nicht in der Größe, aber in der Funktion), weil er sich an winzige Mengen gewöhnt. Die Dehnbarkeit nimmt ab, die Magenentleerung verlangsamt sich, und die Dehnungsrezeptoren reagieren früher. Schon eine “normale Portion” fühlt sich zu viel an. Gleichzeitig bildet Dein Körper kaum noch Verdauungssäfte, die Anzahl der Darmbakterien wird weniger und weniger vielfältig. Was reinkommt, wird schlechter verdaut. Das kenne ich selbst aus meiner Zeit mit Magersucht, in der ich Verdauungsprobleme wie einen Blähbauch hatte. Dadurch kommen Nährstoffe auch seltener im Sättigungszentrum an. Studien zeigen eine verzögerte Magenentleerung bei Anorexie, die sich mit Refeeding zurückbildet.

Und dann ist da die Leptin-Ebene, wenig Fettmasse heißt wenig Leptin. Dadurch bekommt Dein Hypothalamus schlicht keine Botschaft mehr, dass „genug da ist“. Du hast objektiv gerade gegessen, aber neurobiologisch kann Sättigung nicht ankommen. Das ist die Falle, von der Hebebrand spricht.

Dazu kommt der mentale Teil. Du hast gelernt, dass das Hungergefühl etwas „Gutes“ ist, anstatt etwas, das eine Antwort braucht. „Stark, dass ich das aushalte.“ „Wenn ich jetzt esse, war alles umsonst.“ Wenn Du Dich tausende Male so trainiert hast, hört Dein Körper irgendwann auf, zu rufen. Nicht weil er keinen Hunger mehr hätte. Sondern weil er gelernt hat, dass es sich nicht lohnt.

Bulimie: Wenn Sättigung messbar verzögert ist

Bulimie ist nicht das Gegenteil von Magersucht. Sie ist oft ihre nächste Etage, so wie bei mir.Das beschreibt auch Marie, die nach über 30 Jahren ihre Essstörung überwunden hat, in meinem Podcast. Der Körper, der lange unterversorgt war, kippt irgendwann in Essanfälle. Bei ihr hat sich das so angebahnt, dass die Heißhungerattacken kamen und sie dachte, das könne ja nicht drin bleiben. Aus diesem Gedanken folgte das Erbrechen. So begann ihre Bulimie.

Und in diesen Anfällen wird die Sättigung nicht nur ignoriert, sie wird systematisch übergangen. Du isst über das Sattsein hinaus, wieder und wieder, dann das Gegenmanöver. Erbrechen, Sport, Tabletten.

Doch das Sättigungsgefühl ist bei Bulimie nicht „weg“, aber es ist messbar verzögert. Van Dyck und Kollegen haben gezeigt, dass Patientinnen mit Bulimie und Binge-Eating signifikant mehr Wasser bis zur ersten Sättigungsreaktion brauchen als Frauen ohne Essstörung. Außerdem ist ihre gastrische myoelektrische Aktivität verändert. Das heißt, die elektrischen Signale Deiner Magenmuskulatur laufen anders, wenn Du an Bulimie oder Binge-Eating leidest. Es ist nicht eingebildet, sondern im EKG des Magens sichtbar.

Falls Du schon öfter gedacht hast: „Warum merke ich nicht früher, dass ich genug habe?“ Dann ist die Antwort, weil Dein System es nicht früher meldet. Dein Magen, Dein Vagusnerv, Dein Sättigungs-Onset sind verstellt.

Dazu kommt die Doppelbelastung durchs Erbrechen. Die Speiseröhre wird gereizt, der obere Magenbereich wird empfindlich, der gesamte Verdauungsapparat steht unter Dauerstress. Verdauung beginnt im Mund, mit dem Speichel und dem Kauen. Wenn ein Essanfall passiert, läuft alles durcheinander, kein Vorverdauen, keine Pause, keine bewusste Wahrnehmung. Der Magen-Darm-Trakt wird mit einer Aufgabe konfrontiert, die er so nicht lösen kann.

Bei mir war der Hunger in der Bulimie kein körperlicher Hunger. Es war ein emotionales Loch. Ich habe gegessen, bis mein Magen sich anfühlte, als würde er platzen, weil ich versucht habe, etwas zu füllen, das mit Essen nicht zu füllen war. Heute kann ich das auseinanderhalten. Damals nicht.

Binge Eating: Wenn Volumen das Sättigungssignal überschreibt

Beim Binge-Eating fehlt der Gegenmanöver-Teil der Bulimie. Der Essanfall passiert, das Essen bleibt im Magen, der Körper muss damit umgehen. Dein Magen ist aber nicht dafür gebaut, in so kurzer Zeit so große Mengen zu verarbeiten. Er dehnt sich weit über das Maß hinaus, bei dem normalerweise ein Sättigungssignal käme. Die Folge sind Schmerzen, Blähungen und ein Völlegefühl, das nicht mehr aufhört.

Eine Studie von Tarman 2026 beschreibt dazu ein Konzept namens „Volume-Addiction“. Das ist eine Art Sucht nach Magenfüllung. Die Dehnungsrezeptoren im Magen und der Vagusnerv sind nämlich plastisch. Das bedeutet, sie verändern sich durch wiederholte Belastung. Wer den Magen über lange Zeit extrem dehnt, kann diese Rezeptoren so umstellen, dass das Sättigungssignal erst bei sehr großen Mengen kommt.

Das heißt, wenn Du beim Binge-Eating riesige Mengen brauchst, um überhaupt etwas zu spüren, ist das keine fehlende Disziplin. Es ist eine umtrainierte Biologie. Das Gute ist, dass „plastisch” veränderbar heißt, und zwar in beide Richtungen. Was sich umlernen ließ, lässt sich auch zurücklernen.

Was alle drei Formen gemeinsam haben

So verschieden Magersucht, Bulimie und Binge-Eating auch aussehen, im Ergebnis schalten sie das gleiche System aus. Den Dialog zwischen Körper und Gehirn. Zudem verändert sich bei allen Arten Dein Mikrobiom, Deine Verdauung  und Dein Hormonhaushalt.

Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit, über die selten gesprochen wird. In allen drei Formen lernst Du Dir selbst zu misstrauen. Du glaubst Deinem Hunger nicht, weil er nicht da sein soll. Du glaubst Deiner Sättigung nicht, weil sie zu früh kommt oder zu spät oder gar nicht. Du glaubst Deinem Bauch nicht, wenn er wehtut, und Du glaubst ihm auch nicht, wenn er ruhig ist. Dieses Misstrauen ist tief. Und es ist genau der Punkt, an dem Heilung ansetzt. Nicht beim Essen. Beim Wiederhinhören.

Wenn Du in einer Essstörung warst oder noch bist, ist es fast unvermeidlich, dass auch Dein Stoffwechsel sich angepasst hat. Wenn Du diesen Teil tiefer verstehen willst, habe ich hier ausführlich darüber geschrieben: Hungerstoffwechsel beenden.

Wie wird Sättigung in der Essstörung erlebt?

Wenn ich Klientinnen frage, was sie fühlen, wenn sie satt sind, kommen selten Worte wie „zufrieden“ oder „gut“. Es kommen Worte wie „eklig“, „aufgebläht“, „panisch“. Und genau so habe ich früher auch gedacht. Sättigung wird in der Essstörung nicht nur körperlich anders wahrgenommen, sondern emotional komplett umgedeutet. Genau das macht den Wiederaufbau so schwer und gleichzeitig so wichtig.

Hunger als „Erfolg“, Sättigung als „Versagen“

Vor einigen Jahren habe ich auf Instagram mal Fragen zu Sättigung und Hunger gestellt. Eine davon war: „Was empfindest Du, wenn Du hungrig bist?“ Eine andere: „Was empfindest Du, wenn Du satt bist?“ Die Antworten waren erschreckend klar. Hunger wurde mit positiven Worten verbunden. „Stark“, „diszipliniert“, „leicht“, „stolz“. Sättigung mit Negativen. „Ich habe versagt“, „dick“, „ekelig“, „schwach“.

Das ist keine Einzelmeinung, sondern ein Muster, und bei mir war es auch so. In der Essstörung kippen die Bedeutungen, Hunger wird belohnt, Sättigung bestraft, Dein eigener Körper wird zum Gegner. Kennst Du dieses Denken von Dir? Das ist das Denken, das die Essstörung in Dir installiert hat. Und es ist genau das Denken, das wieder umgebaut werden darf.

Dieses Umdeuten ist ein Schutzmechanismus. Denn wenn Sättigung sich anfühlt wie Versagen, wird sie vermieden. Wenn Hunger sich anfühlt wie Erfolg, wird er gesucht. Solange dieses System läuft, bleibt die Essstörung stabil. Erst wenn Du anfängst, Sättigung wieder zuzulassen, ohne Bewertung, fängt etwas an, sich zu verschieben.

Annas Frage: „Bist Du satt oder willst Du noch weiteressen?“

Anna, eine ehemalige Klientin, hat mal angefangen, sich diese eine Frage beim Essen zu stellen. Nicht „bist Du satt“, sondern „bist Du satt oder willst Du noch weiteressen“. Klingt nach einer Kleinigkeit, aber für sie war es ein Wendepunkt.

Anna hatte das Muster, immer alles aufzuessen, was auf dem Teller lag, geprägt von dem Satz „Iss auf, dann gibt’s Nachtisch“ aus ihrer Kindheit. Egal ob sie schon vor dem letzten Drittel gemerkt hatte, dass es genug ist, es musste fertig gegessen werden. Mit dieser einen Frage, gestellt mitten beim Essen, hat sie angefangen, zwei Dinge auseinanderzuziehen, die jahrelang verschmolzen waren. Körperliche Sättigung und das Bedürfnis, weiterzumachen.

Das Bedürfnis, weiterzumachen, kann viele Gründe haben. Es schmeckt zu gut, um aufzuhören. Es ist noch was da, also wird auch noch gegessen. Es ist Stress oder Langeweile oder Trauer am Tisch. All das ist okay, zu spüren. Aber es ist nicht körperlicher Hunger, der Dich weiteressen lässt. Diese Unterscheidung ist klein und sie verändert alles.

Wenn Du an Dir merkst, dass Du häufig über das Sattsein hinaus weitermachst, kann diese eine Frage ein Anker werden. Nicht beim ersten Bissen. Nicht bei der Hälfte. Sondern in dem Moment, in dem Du zum nächsten Bissen greifst, ohne hinzuhören. „Bin ich satt, oder will ich noch weiteressen?“ Dein Körper kennt die Antwort. Er muss nur wieder gefragt werden.

Vom Verlust zum Wiederfinden

In meinen Magersucht-Jahren wusste ich nicht mehr, wie sich eine normale Mahlzeit anfühlt. Ich hatte fast vergessen, was Hunger eigentlich für ein Gefühl ist. Mein Körper meldete sich, aber ich verstand seine Sprache nicht mehr. Als er gerufen hat, habe ich ihn ignoriert. Wenn er still war, habe ich das als Erfolg gefeiert.

In meinen Bulimie-Jahren war es das andere Extrem. Ich hatte das Gefühl, ständig Hunger zu haben, aber dieser Hunger hatte mit meinem Körper nichts zu tun. Es war ein emotionales Loch, das nach Füllung schrie. Ich habe gegessen, bis ich nicht mehr konnte, und auch dann war das Loch noch da.

Dass ich heute wieder Sättigung spüre, kam nicht über eine Methode. Es kam über Geduld. Über regelmäßige Mahlzeiten, auch wenn ich keinen Hunger spürte. Über kleine Mengen über den Tag verteilt, wenn die großen Portionen zu viel waren. Über das langsame Wieder-Hinhören, was mein Körper mir eigentlich sagen wollte, statt was mein Kopf vorgab.

Was ich in dieser Zeit gelernt habe und was ich heute auch im Coaching weitergebe, ist, dass Sättigung sich nicht zurückerzwingen lässt. Sie kommt zurück, wenn Du aufhörst, gegen Deinen Körper zu arbeiten. Sie kommt schleichend, nicht mit dem großen Knall. An einem Dienstagmittag merkst Du, dass Du satt bist, und es überrascht Dich. Das war’s. Kein Durchbruch, kein Heureka. Nur ein leises „okay, das war jetzt genug“. Und dann kommt das Gefühl wieder. Erst selten, dann öfter. Bis es wieder zu Dir gehört.

Sättigung als emotionaler Trigger

Eine Frau hat es mir einmal so beschrieben: „Sobald ich gemerkt habe, dass ich satt bin, kippte meine Stimmung.“ Beim Essen war noch alles okay, und in dem Moment, in dem sie das Sättigungsgefühl bemerkte, fiel sie in ein Loch. Wut, Scham, Selbsthass, alles auf einmal. Bei vielen Frauen liegt unter diesen Reaktionen eine tiefere Angst, die Angst vor einer Gewichtszunahme. Wenn Du das kennst, dann mach Dir bewusst, dass nicht Dein Körper etwas Falsches meldet. Dein Kopf spielt eine alte Verknüpfung ab. Sättigung selbst ist neutral. Was Du daraus machst, ist gelernt. Ein innerer Satz kann helfen: „Das ist nicht meine Sättigung. Das ist die alte Verknüpfung, die meldet sich.“

Dieser Moment fühlt sich oft furchtbar an. Viele denken, etwas läuft schief, dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Wenn die Stimmung beim Sattsein kippt, heißt das, dass Du wieder spürst.

Sättigung ist dabei selten das erste Signal, das zurückkommt. Vorher meldet sich oft Müdigkeit, Kälte, das Bedürfnis nach Ruhe. Diese kleineren Signale wahrzunehmen, ist die Vorarbeit. Wenn Dein Körper merkt, dass Du wieder zuhörst, traut er sich an die größeren Themen heran.

Wieder Sättigung spüren lernen mit 5-Stufen-Wiederaufbau-Plan

Sättigung kommt Schritt für Schritt wieder zurück. Ich sehe immer wieder, dass dieselben fünf Stufen aufeinander aufbauen.

Stufe 1: Regelmäßig essen, auch ohne Hunger

Wenn Du Dich fragst, was Du bei keinem Sättigungsgefühl konkret tun kannst, ist das hier der wichtigste Schritt überhaupt. Und er ist kontraintuitiv. Du kannst Hunger und Sättigung nicht zurückholen, indem Du auf sie wartest. Wenn Du erst dann isst, wenn sich Hunger meldet, wirst Du in dieser Phase oft gar nicht essen. Und je länger Du nicht isst, desto leiser wird Dein Körper. Du musst zuerst die Versorgung wiederherstellen, dann meldet er sich.

Daher empfehle ich drei Hauptmahlzeiten und zwei bis drei kleine Zwischenmahlzeiten am Tag. Zu festen Zeiten, unabhängig vom Hungergefühl. Also auch dann, wenn der Magen sich nicht meldet und der Kopf sagt: „Brauche ich heute nicht“. Diese Phase fühlt sich einfach nur falsch an. Aber Du stillst nicht den Hunger. Du fütterst das System, das Hunger wieder produzieren soll.

Wenn Du im Untergewicht bist, gilt das doppelt. Solange der Körper im Überlebensmodus oder Hungerstoffwechsel ist, kann das Hormonsystem keine normalen Sättigungssignale erzeugen. Erst wenn der Stoffwechsel wieder anläuft, kommen Hunger und Sättigung Stück für Stück zurück.

Stufe 2: Portionen entwickeln und stabilisieren

In der Magersucht ist eine „normale Mahlzeit“ oft komplett unbekanntes Terrain. Du weißt nicht, wie viel Du ohne Restriktion essen würdest. Du weißt es vielleicht theoretisch, aber Dein Körpergefühl ist verschoben.

Daher solltest Du Dich an äußeren Anhaltspunkten orientieren, statt am eigenen Empfinden. Eine Tellergröße, eine Portionsempfehlung, ein Plan. Das ist natürlich individuell unterschiedlich und ich kann Dir keine pauschale Empfehlung geben. Das ist dann auch keine Rückkehr zur Kontrolle. Es ist eine Brücke. Solange Dein Körpergefühl unzuverlässig ist, brauchst Du eine andere Referenz. Diese Brücke darf da sein, bis Du wieder eigene Anhaltspunkte hast.

Bei Bulimie und Binge-Eating geht es weniger um zu kleine, sondern um schwankende Portionen. Stabilität ist hier das Ziel. Drei Mahlzeiten in ähnlicher Größe, zu ähnlichen Zeiten, ohne Verbote. Wenn Du anfängst zu verbieten, kommt der Drang nach dem Verbotenen und das endet oft in einem Essanfall. Wenn Du es Dir erlaubst, beruhigt sich das System mit der Zeit.

Stufe 3: Achtsamkeit und Wahrnehmung trainieren

Sobald die Versorgung steht, geht es ans Hinhören. Das funktioniert nicht nebenbei. Wer beim Essen Netflix schaut, scrollt oder arbeitet, nimmt in dieser Phase weder Geschmack noch Sättigung wahr. Du musst Deinem Körper bewusst Raum geben, sich zu melden.

Das heißt nicht, dass jede Mahlzeit eine Meditation sein muss. Es heißt, dass Du beim Essen wirklich isst. Kein Bildschirm, kein Buch, kein Telefon. Probiere es am Anfang bei einer Mahlzeit am Tag, um einen Unterschied zu merken. Du fängst an, wahrzunehmen, wie das Essen schmeckt, wie sich die Konsistenz im Mund anfühlt, wann es weniger gut schmeckt als am Anfang. Genau dieser Moment, in dem das Essen „weniger spannend“ wird, ist oft der erste Sättigungsanker.

Es kann helfen, wenn Du das Essen in mehrere Portionen aufteilst. Und nicht alles auf einmal auf den Teller legst. Nach der ersten Portion kurz innehalten. Wie fühlt sich der Magen an? Würde noch mehr passen? Wenn ja, in Ordnung, nimm Dir nach. Wenn nein, dann ist es erstmal genug. Du bestimmst, nicht der vorgegebene Tellerinhalt.

Stufe 4: Emotional und körperlich trennen lernen

Wenn Du Stufe eins bis drei lebst, kommen Signale zurück. Manche davon sind körperlich. Andere fühlen sich an wie körperlich, sind aber emotional. Das auseinanderzuhalten, ist die schwierigste Stufe.

Körperlicher Hunger baut sich langsam auf. Der Magen knurrt, leichtes Ziehen, das Gefühl breitet sich aus. Er ist nicht wählerisch, ein “normales Mittagessen” reicht. Emotionaler Hunger, auch “emotionales Essen” genannt, kommt plötzlich. Er richtet sich auf etwas Bestimmtes, oft Süßes oder Salziges. Er entsteht nicht im Magen, sondern im Kopf, in der Brust, in einem unklaren Drang.

In der Recovery werden diese beiden Sorten oft verwechselt. Stress oder Langeweile werden als Hunger interpretiert. Bevor Du das nächste Mal automatisch isst, stell Dir die folgenden Fragen. Wo spüre ich das? Im Magen oder höher? Würde mir jetzt jedes normale Essen reichen, oder brauche ich genau diese eine Sache? Die Antwort sagt Dir, mit welcher Sorte Hunger Du es zu tun hast. Beide sind okay, aber sie brauchen unterschiedliche Antworten.

Wann emotionaler Hunger zur Heißhungerattacke wird und was Du in dem Moment tun kannst, beschreibe ich in Heißhunger stoppen – woher er kommt und was wirklich hilft”.

Stufe 5: Rückfall-Momente als Teil des Weges akzeptieren

Niemand geht diesen Weg in einer geraden Linie. Es wird Tage geben, an denen Du zurück in alte Muster fällst. Tage, an denen Du wieder über das Sattsein hinaus isst oder Deine Mahlzeit nicht schaffst. Tage, an denen Du nicht weißt, ob Du Hunger spürst oder nicht. Das ist Teil des Wiederaufbaus.

Was zählt, ist, was nach diesem Tag passiert. Wenn Du Dich runtermachst, in alte Schuldgefühle kippst und mit dem Argument „Ich krieg’s eh nicht hin“ eine Restriktion hinterherschiebst, hast Du die nächste Welle gestartet. Wenn Du den Tag stehen lässt, das nächste Essen normal isst und weitermachst, dann ist es ein schlechter Tag gewesen. Mehr nicht.

Hunger und Sättigung zu lernen, ist ein Prozess. Jeder Rückfall, der nicht zur Kettenreaktion wird, ist eigentlich ein Fortschritt. Du beweist Deinem Körper, dass die Versorgung jetzt verlässlich ist. Auch nach einem schlechten Tag. Genau das macht den Unterschied zwischen einer Phase und einem Rückfall in die Essstörung.

Praktische Tools für Deinen Alltag

Die fünf Stufen geben Dir die Richtung. Diese drei Werkzeuge sind dafür da, Dein Sättigungsgefühl ganz praktisch wieder zu trainieren. Du musst nicht alle drei nutzen. Such Dir das aus, was sich für Dich machbar anfühlt, und fang dort an.

Die 5-Schritte-Achtsamkeitsübung beim Essen

Diese Übung ist dafür da, Dein Sättigungsgefühl überhaupt wieder wahrnehmen zu können. Sie braucht keine Vorbereitung, kein Equipment und nicht mehr Zeit als ohnehin nötig. Du kannst sie einfach bei einer Mahlzeit machen, die Du ohne Ablenkung zu Dir nimmst.

  • Bevor Du anfängst, schau Dir das Essen an. Was siehst Du? Welche Farben, welche Konsistenz, wie ist es angerichtet? Rieche kurz daran. Diese Sekunden bereiten Deinen Körper aufs Essen vor, zum Beispiel durchs Ausschütten von Verdauungssäften.
  • Iss den ersten Bissen besonders bewusst. Wie schmeckt es? Was nimmst Du wahr? Der erste Bissen ist meistens der intensivste. Wenn Du ihn nicht wahrnimmst, jagst Du dem Geschmack die ganze Mahlzeit hinterher.
  • Kau gründlich. Verdauung beginnt im Mund. Wer schlingt, übergeht die erste Sättigungsstation komplett. Kauen heißt nicht, zwanzig Mal pro Bissen zu zählen, sondern so lange, dass Du den Geschmack wirklich wahrnimmst und alles gut durchgekaut ist.
  • Mache eine Pause nach der Hälfte. Leg das Besteck kurz ab. Wie fühlt sich Dein Magen an? Bist Du noch genauso hungrig wie am Anfang? Schmeckt es noch so gut wie beim ersten Bissen? Wenn nein, ist das ein erstes Sättigungssignal.
  • Hör auf, wenn das Essen nicht mehr „spannend“ ist. Das ist nicht der Moment, in dem Du voll bist. Es ist der Moment, in dem Dein Körper Dir leise sagt: „Es war genug.“ Dieser Moment kommt auch oft, bevor der Teller leer ist. Du darfst aufhören. Auch wenn noch was drauf liegt.

Das Hunger- und Sättigungs-Tagebuch

Wenn Du das Gefühl hast, Deinen Körper überhaupt nicht mehr zu verstehen, hilft es, eine Woche lang aufzuschreiben, was passiert. Nicht was Du isst. Sondern wie Du Dich fühlst. Mir hat das Aufschreiben in der Recovery immer sehr geholfen.

Notiere bei jeder Mahlzeit drei Dinge.

  • Vor dem Essen: Hatte ich Hunger? Wenn ja, wo habe ich ihn gespürt, im Magen, im Kopf, in einem unbestimmten Drang?
  • Während des Essens: Habe ich gemerkt, wann ich satt wurde?
  • Nach dem Essen: Wie fühlt sich mein Bauch an, eine Stunde später, zwei Stunden später?

Eine Woche reicht, um Muster zu sehen. Du wirst merken, dass Dein Körper sich öfter meldet, als Du gedacht hast. Du wirst auch merken, wann Du isst, ohne dass er ruft, und welche Situationen das auslösen. Stress, Langeweile, bestimmte Tageszeiten, bestimmte Menschen. Diese Muster sichtbar zu machen, ist die halbe Arbeit.

Es geht dabei nicht darum, daraus Regeln abzuleiten. Es geht nicht darum, weniger zu essen, wenn Du keinen Hunger spürst. Es geht ums Wahrnehmen. Mehr nicht.

Drei innere Selbstgespräche, die ich Dir mitgeben kann

Wenn Sättigung kommt, kommt oft auch der Sturm im Kopf. Diese drei Sätze helfen, ihn nicht eskalieren zu lassen.

  1. „Das ist nicht meine Sättigung. Das ist die alte Verknüpfung, die meldet sich.“ Wenn die Stimmung kippt, sobald Du satt bist, hilft dieser Satz, das Gefühl vom Auslöser zu trennen. Sättigung ist neutral. Was Du fühlst, ist die alte Software, die hochfährt.
  2. „Mein Körper ist kein Gegner. Er ist ein Verbündeter, der lange schweigen musste.“ Wenn Du in alten Bewertungsmustern landest („Ich vertrage das nicht“, „Ich habe wieder zu viel“), dreht dieser Satz die Perspektive. Dein Körper macht keine Fehler. Er reagiert.
  3. „Heute ist heute. Morgen ist morgen.“ Wenn ein Tag aus dem Ruder läuft und der Sog kommt, ihn mit Restriktion auszugleichen, hilft dieser Satz. Ein Tag ist ein Tag. Er entscheidet nichts. Was zählt, ist die nächste Mahlzeit, nicht die letzte.

Diese Sätze sind keine Mantras. Sie sind Anker. Du sagst sie Dir selbst, leise, im Moment des Sturms. Manchmal funktionieren sie sofort. Manchmal brauchst Du fünf Wiederholungen. Manchmal hilft es auch, sie aufzuschreiben und auf dem Handy in die Notizen-App zu legen, damit Du sie an schwierigen Tagen schnell findest.

Brauchst Du noch Struktur?

Plan oder Intuition? Diese Frage stellt sich fast jede Frau in der Recovery irgendwann. Doch es kommt drauf an.

Solange Dein Körpergefühl unzuverlässig ist, brauchst Du eine äußere Orientierung. Drei Mahlzeiten, feste Zeiten, klare Portionen. Das ist keine Niederlage gegen die Intuition, sondern die Brücke, auf der Du wieder lernst, Deinem Körper zuzuhören, ohne dass die Versorgung kippt. Mehr dazu in „Brauche ich einen Essensplan auf dem Heilungsweg?

Die schwierigere Frage kommt später, oft in einer Phase, die manche Quasi-Recovery nennen. Die Strukturen können mit der Zeit zum Gefängnis werden, wenn Du sie nicht bewusst wieder auflöst.

Du isst noch nach Plan, obwohl Dein Körper längst leise spricht? Du wiegst noch immer Portionen, obwohl Du wüsstest, wie viel reicht? Dann schützt die Struktur nicht mehr, sie hält Dich fest. Wie Du den Übergang zum intuitiven Essen findest, erkläre ich in Lerne, wie Du Dich wieder intuitiv ernähren kannst„.

Ein Sonderfall in dieser Übergangszone ist das Kalorienzählen. Es fühlt sich oft wie Sicherheit an, hält Dich aber an einem Außenmaßstab fest, statt Dir Deinen eigenen zurückzugeben. Solange Zahlen das Sättigungsgefühl ersetzen, kann das echte Gefühl nicht zurückkommen. Wie Du aufhörst, Kalorien zu zählen, lernst Du hier.

Dein Sättigungsgefühl ist nicht kaputt, es schläft

Wenn Du nur eines aus diesem Artikel mitnimmst, dann das: „Dein Körper ist nicht defekt.“ Er hat sich an einen Kontext angepasst, in dem Hunger und Sättigung nicht gehört werden können. Was sich angepasst hat, kann sich auch wieder neu ausrichten. Das ist keine Hoffnung, sondern Biologie.

Hunger und Sättigung kommen nicht über Nacht zurück. Es beginnt langsam, mit einer anderen Haltung. Du fängst an, Deinem Körper die Versorgung zurückzugeben, die ihm jahrelang gefehlt hat.

Ich bin diesen Weg selbst gegangen. Und auch ich hatte viele Phasen, in denen ich nicht mehr geglaubt habe, dass sich je etwas ändert. Doch es hat sich alles geändert. Nicht über Nacht, aber Stück für Stück. Heute lebe ich anders. Frei von Diäten, frei vom Kalorienzählen, frei von dem Gedanken, dass ich meinen Körper kontrollieren muss, damit er funktioniert. Was mich frei gemacht hat, war kein Trick. Es war Geduld, ehrliche Arbeit und der Mut, meinem Körper irgendwann wieder zu glauben. Und das ist auch für Dich möglich.

Falls Du spürst, dass Du diesen Weg nicht allein gehen willst, melde Dich gerne bei mir. In einem kostenfreien Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, wo Du gerade stehst, was Dir konkret im Weg liegt und ob eine Begleitung der richtige nächste Schritt für Dich wäre.

Dein Sättigungsgefühl ist nicht weg. Es schläft. Und Körper, die schlafen, kann man wecken. Ich weiß, auch Du kannst Deinen Körper wieder aufwecken.

Alles Liebe, Deine Janina.

„Das Leben ist eine Reihe natürlicher und spontaner Veränderungen. Widerstehe ihnen nicht, das erzeugt nur Kummer. Lass die Realität Realität sein.“

Laotse, „Tao Te King“

Häufige Fragen zum Sättigungsgefühl in der Essstörung

Wenn Du über lange Zeit zu wenig oder unregelmäßig gegessen hast, fährt Dein Körper sein Sättigungssystem herunter. Hormone wie Leptin sinken, die Magen-Dehnungsrezeptoren stellen sich um, und Dein Gehirn bekommt schlicht keine klaren Signale mehr, dass „genug da ist“. Bei Bulimie und Binge-Eating kommt hinzu, dass das Sättigungsgefühl messbar verzögert ist. Du brauchst objektiv mehr Magenfüllung, bis die ersten Signale ankommen. Das ist keine fehlende Disziplin, sondern eine umtrainierte Biologie. Doch sie lässt sich auch wieder zurücktrainieren.

Ja. Forschung zeigt, dass die Magen-Dehnungsrezeptoren und der Vagusnerv plastisch sind. Sie verändern sich durch wiederholte Reize, und zwar in beide Richtungen. Was sich umlernen ließ, lässt sich auch zurücklernen. Bei mir und vielen anderen Frauen hat es auch geklappt.

Voraussetzung ist, dass Du Deinem Körper konsistente Versorgung gibst, ihm Zeit lässt und die emotionalen Trigger, die mit Sättigung verknüpft sind, mitbearbeitest. Allein durch „mehr essen“ kommt das Gefühl oft nicht zurück. Es braucht die Kombination aus körperlicher Versorgung und mentaler Arbeit.

Das ist sehr individuell. Bei manchen Frauen melden sich erste leise Signale nach wenigen Wochen regelmäßiger Versorgung, bei anderen dauert es Monate. Es hängt davon ab, wie lange die Essstörung bestand, wie stark der Körper unterversorgt war, ob noch ein Untergewicht besteht und wie konsequent Du jetzt isst. Selbst wenn es länger dauert, bedeutet das nicht, dass etwas falsch läuft. Solange Du Deinen Körper versorgst, arbeitet er an der Heilung. Auch dann, wenn Du es noch nicht spürst.

Ja, und zwar entscheidend. Zwei Hormone steuern Hunger und Sättigung maßgeblich. Ghrelin meldet Hunger, Leptin meldet Sättigung. Bei langer Restriktion oder niedrigem Körpergewicht sinkt der Leptinspiegel drastisch. Hebebrand beschreibt diesen Zustand als „Entrapment“, eine Art neurobiologische Falle. Solange Leptin niedrig bleibt, kann Dein Gehirn Sättigung nicht zulassen, selbst wenn Du rational normal essen willst. Bei Bulimie und Binge-Eating sind außerdem die Darmhormone GLP-1, CCK und PYY beteiligt, deren Signale verzögert ankommen. Sättigung ist also keine Frage des Willens, sondern eine Frage der Hormone.

Depression und Essstörung treten häufig gemeinsam auf, und beide beeinflussen das Sättigungsgefühl. Bei einer Depression sind die Signale im Hypothalamus und in der Darm-Hirn-Achse oft gedämpft. Manche Frauen essen deutlich weniger, andere deutlich mehr, viele verlieren das Gespür dafür, wann sie satt sind. Hinzu kommen Antidepressiva, die das Hunger- und Sättigungsgefühl zusätzlich verändern können. Wenn Du das Gefühl hast, dass Dein Sättigungsverlust mit einer depressiven Phase zusammenhängt, ist das ein Punkt, an dem ärztliche oder psychotherapeutische Begleitung sinnvoll ist. Du musst diesen Teil nicht allein klären.

Fressattacken sind oft die direkte Folge eines verlorenen Sättigungsgefühls. Wenn Dein Körper über lange Zeit unterversorgt war, baut sich ein Druck auf, der sich irgendwann entlädt. Du isst über die Sättigung hinaus, oft schneller als üblich, ohne wahrzunehmen, wann genug wäre. Dein Körper holt sich auf diesem Weg, was ihm vorher gefehlt hat. Es ist eine physiologische Gegenreaktion auf Mangel, kein Charakterproblem. Hinzu kommt die emotionale Ebene. Sättigung wird in der Essstörung oft mit Versagen verknüpft, also wird sie übergangen, bis der Körper sich selbst die Menge holt, die ihm fehlt. Der Weg aus den Fressattacken führt nicht über mehr Kontrolle, sondern über verlässliche, regelmäßige Versorgung, die den Druck gar nicht erst aufbaut.

Nein. Auch wenn es sich gerade so anfühlt, als wäre Dein Körper „kaputt“, er ist es nicht. Ich habe mein Hunger- und Sättigungsgefühl komplett wiederbekommen und auch die Forschung ist hier eindeutig. Denn die hormonellen und neurobiologischen Systeme, die Sättigung steuern, sind plastisch. Sie können sich verändern, in beide Richtungen. Voraussetzung ist, dass Du das Untergewicht verlässt, Deinem Körper konsistent ausreichend Energie gibst und ihm die Zeit lässt, sein Hormonsystem wieder hochzufahren. Manche Frauen spüren erste Signale nach Wochen, andere brauchen viele Monate. Aufgeben ist der einzige Weg, auf dem das Gefühl wirklich für immer wegbleibt. Solange Du dran bleibst, kommt es zurück.

Quellenverzeichnis

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WICHTIGER HINWEIS

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine medizinische oder therapeutische Behandlung. Bei Essstörungen ist professionelle medizinische Hilfe erforderlich.

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Über die Autorin

Janina Eilts – Essstörungs-Coach & Ex-Betroffene

Sonnenaufgang

Janina Eilts ist die Gründerin von Lebensleichter und Essstörungs-Coach mit über 5 Jahren Coaching-Erfahrung.

Nach 12 Jahren im Teufelskreis von Magersucht und Bulimie hat sie ihren Weg in die Freiheit gefunden. Heute reist sie nur mit Handgepäck um die Welt und hilft Frauen dabei, dieselbe Befreiung zu erleben: ein intuitives Essverhalten zu entwickeln – ohne Diäten, Kalorienzählen oder Verzicht.

Janina kombiniert ihre 12-jährige persönliche Essstörungserfahrung mit ihrem Studium im Gesundheitsmanagement und teilt ihr Wissen u. a. in 130+ Artikeln, 200+ Podcast-Folgen und einer kostenlosen 3-teiligen Videoserie. Über 130 Frauen hat Janina bereits erfolgreich aus ihrer Essstörung begleitet.

Das Fachmagazin „Psychologie Heuteberichtete ebenso wie die „Welt am Sonntag“ über Janinas Geschichte. Zudem gab es Berichte über Janinas Weg aus der Essstörung zum Coach im NDR (Sendung „DAS!“) und in der Deutschen Welle. Zusätzlich gab Janina als Coach Interviews in zahlreichen Fach-Podcasts und hielt einen Vortrag beim Netzwerk Essstörung über ihren Weg aus der Essstörung.

Mehr über Janinas Geschichte findest Du auf Janinas Über-mich-Seite.

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