Die Rolle von Essenszeiten bei der Bewältigung von Essstörungen

Kategorie: Essstörung

Datum: 05.02.2024

Punkt 12:50 Uhr – die Uhr tickt. Da sitz‘ ich nun, am Küchentisch, das Mittagessen vor mir. Meine Hände zittern, als wäre ich draußen im Winter ohne Jacke. Ich weiß, ich sollte jetzt essen, aber irgendwie … ich krieg’s einfach nicht hin. Klingt vertraut? So sah mein Leben in der Essstörung aus.

Essenszeiten? Für mich waren sie wie ein Leuchtturm im Sturm; sie gaben mir Halt und Sicherheit in einer Welt voller Unsicherheiten. Aber – und das ist ein großes Aber – gleichzeitig waren sie eine Art Gefängnis. Sie legten mein Leben in Ketten, schnürten es ein, nahmen mir jede Spontanität. Kein Essen mit Freunden, kein unbeschwerter Snack zwischendurch. Alles war streng reglementiert.

Aber weißt Du was? Irgendwann hab‘ ich’s kapiert: Diese Essenszeiten, die sind nicht die Lösung, sie sind nur ein Zeichen von was Größerem, Tieferem. Heute bin ich Ex-Betroffene und Expertin für gestörtes Essverhalten. Ich weiß, wie wichtig es ist, sich von Essenszeiten zu lösen. In diesem Artikel möchte ich Dir erzählen, was ich über Essenszeiten in der Essstörung gelernt habe. Ich möchte Dir helfen, Deine eigenen Erfahrungen zu verstehen und mit Essenszeiten umzugehen.

Ich weiß, dass es kein Zuckerschlecken ist. Aber es ist möglich. Ich habe es geschafft, und ich bin sicher, dass Du es auch kannst.

Was du unbedingt über Essenszeiten in der Essstörung wissen solltest

Essenszeiten: Ein Beispiel aus meiner Zeit

Die Uhrzeiten und das Essen haben früher meinen Tagesablauf bestimmt. Ich habe um 07:15 Uhr, um 13.30 Uhr und um 18.00 Uhr gegessen. Mit den Uhrzeiten hatte ich die Erlaubnis, etwas essen zu dürfen. In der Zeit dazwischen war es unmöglich für mich, etwas zu essen. Angst und Panik waren dann meine Begleiter.

Ich kann mich auch noch gut an eine Situation erinnern, dass ich mir freitags, samstags und sonntags 3 Salzstangen erlaubt habe. Zwischen den Salzstangen waren jeweils 15 Minuten Pause. Und durch die Pausen und durch die vorgegebenen Zeiten hatte ich keine Angst, dass etwas passiert. Hätte mir aber jemand gesagt, ich müsste alle drei Salzstangen direkt hintereinander essen, ich weiß nicht, was dann passiert ist. Die Uhrzeiten gaben mir Halt und ich hatte die Kontrolle. Über mich und mein Essen. Wie ist das bei Dir? Vielleicht geht es Dir ähnlich wie meiner Community bei Instagram, dort habe ich vor längerer Zeit mal eine Umfrage gemacht. Diese stelle ich Dir gleich mal vor.

Meine Umfrage: Geht es Dir ähnlich?

In meiner Umfrage unter meinen Instagram-Followern gaben 80 Prozent an, feste Essenszeiten zu haben. Doch die Zeiten sehen total unterschiedlich aus. Jeder hat seine eigenen Zeiten, seine eigenen Regeln. Manche essen erst ab 14 Uhr, manche essen nur bis 14 Uhr, andere wiederum essen nur einmal am Tag oder haben ähnliche Uhrzeiten, wie ich sie hatte. In den Zeiten dazwischen wird nichts gegessen.

Weitere wichtige Ergebnisse der Umfrage:

  • In der Pause ist bei vielen das schlechte Gewissen am schlimmsten. Da in den Pausen Zeit sei, darüber nachzudenken, was man alles zu sich genommen hat.
  • Einige gaben an, dass sie neue Regeln aufstellen würden, wenn sie der Meinung waren, dass sie zu viel gegessen hätten. 
  • Die Pause dient dazu, akribisch zu reflektieren, was gut gemacht wurde oder ob man zu viel gegessen hat.
  • Die Essenspause ist für viele eine schlimme Zeit, da sich die Gedanken hier permanent ums Essen drehen.
  • Einige haben Angst, dass es in der Pause zu einem Fressanfall kommt.

Die meisten Teilnehmer gaben an, dass sie sich mit festen Essenszeiten sicherer und kontrollierter fühlen. Allerdings berichteten auch einige Teilnehmer, dass sie sich durch Essenszeiten eingeengt und eingeschränkt fühlen.

Essenszeiten in Essstörungen: Fluch oder Segen?

Was du unbedingt über Essenszeiten in der Essstörung wissen solltest? Du bist nicht allein!

Dadurch, dass ich selber einmal in dieser Situation war, weiß ich, wie wichtig Essenszeiten sein können. Sie haben mir Halt und Sicherheit gegeben. Ohne die Essenszeiten hätte ich Angst gehabt, überhaupt etwas zu essen. Rückblickend kann ich also sagen, dass mir die Essenszeiten mein Leben gerettet haben. Natürlich ist es wichtig, dass man sich nach und nach von den Essenszeiten löst, denn schließlich ist es ja das Ziel, wieder ein leichteres Leben führen zu können, ohne sich nach Zeiten richten zu müssen. Aber das braucht Zeit und die kannst Du Dir auch geben.

Essenszeiten können natürlich auch eine Schattenseite haben. Man stellt sich selbst Regeln auf und es ist nicht immer leicht, diese Regeln einzuhalten. Es kommt also häufig vor, dass man diese bricht bzw. brechen muss. Und dann fängt die Negativspirale an. Wenn Du Dich also momentan in der Phase befindest, dass Du Essenszeiten hast, dann verurteile Dich nicht dafür, es ist gut, dass Du überhaupt isst. Damit legst Du den Grundstein auf Deinen Heilungsweg. Aber sei Dir auch bewusst, dass Du Dich von ihnen lösen musst, um vollständig zu genesen. Denn wenn Du Deine aufgestellten Regeln brichst, wirst Du danach immer wieder schlecht gelaunt sein. Du musst also erforschen, woher Deine Essstörung kommt. Und wenn Du das machst, dann wird nach und nach Deine Essstörung in den Hintergrund rücken, Du wirst weniger über das Essen nachdenken und somit wirst Du auch flexibler, was die Zeiten beim Essen angeht. Sei geduldig und sei vor allem nett zu Dir.

Artikelempfehlung: Kann mir ein Essensplan auf dem Heilungsweg helfen?

Wie kannst Du vorgehen, um Dich von den Essenszeiten zu lösen?

Wenn Du bereit bist, Deinen Weg zu mehr Flexibilität bei den Essenszeiten zu beginnen, starte mit dieser sanften und machbaren Strategie:

  • Wähl Deine Herausforderung: Fang mit der Mahlzeit an, die Dir am wenigsten Kopfzerbrechen bereitet. Ob’s nun das Frühstück ist, das Mittagessen oder das Abendbrot –  Du entscheidest.
  • Kleine Schritte, große Wirkung: Verschieb die gewählte Mahlzeit erstmal nur um eine winzige Minute. Also, wenn Du normalerweise um 13 Uhr isst, nimm Dir vor, heute um 12:59 Uhr zu starten.
  • Beobachte und reflektiere: Wie fühlst Du Dich mit der kleinen Veränderung? Notiere Deine Gedanken und Emotionen in einem Tagebuch. Das hilft nicht nur, Deine Ängste zu entwirren, sondern auch, sie zu verstehen.
  • Steigerung ist das halbe Leben: Sobald Du Dich mit der einen Minute im Reinen fühlst, wage den nächsten Schritt – erhöhe den Zeitraum vielleicht auf 2,3 oder 5 Minuten und steigere Dich in Deinem Tempo auf 10 oder 15 Minuten.
  • Integriere neue Routinen: Nutz‘ die neu gewonnene Freiheit, um frische, positive Routinen in Dein Leben zu integrieren. Wie wär’s mit einem kurzen Spaziergang oder einem entspannenden Ritual vor dem Essen?
  • Jeder Schritt zählt: Denk dran, jeder noch so kleine Schritt ist ein Erfolg. Geh‘ in Deinem eigenen Tempo voran, sei geduldig mit Dir und feiere Deine Fortschritte – auch wenn sie Dir winzig vorkommen mögen.

Mit dieser Mischung aus Lockerheit und Struktur bist Du bestens gerüstet, um die Essenszeiten flexibler zu gestalten. Also, los geht’s – Du schaffst das! Sollten Rückfälle kommen und sollte die Angst wieder kommen, zu einer anderen Uhrzeit zu essen, dann ist das vollkommen ok. Akzeptiere Deine Situation und probiere es am nächsten Tag neu. Die Rückfälle zeigen Dir, dass Du noch an etwas arbeiten musst.

Zusammenfassung und abschließende Worte

Du hast gesehen, dass Essenszeiten sowohl ein Anker als auch eine Fessel sein können. Auf der einen Seite bieten sie Struktur in einem Meer der Unordnung. Allerdings können sie Dir auch die Flügel der Freiheit stutzen. Jedoch hast Du auch gelernt, dass der erste Schritt zur Veränderung darin besteht, den Mut zu finden, Deine Routinen – so klein sie auch scheinen mögen – zu ändern. Wie ein Baum, der seine Blätter im Herbst verliert, um im Frühling wieder zu erblühen, so kannst Du auch alte Gewohnheiten ablegen, um neues Wachstum und neue Möglichkeiten zu begrüßen.

Mit den Tipps und Schritten aus dem Artikel bist Du nun besser gerüstet, um die Essenszeiten flexibler zu gestalten. Doch bedenke, dass jede Reise mit einem einzigen Schritt beginnt. Mit Geduld, Selbstliebe und Ausdauer kannst auch Du Deine Essstörung überwinden. Die Frage ist jetzt: Welchen ersten Schritt wirst Du heute machen, um Deinen Weg zu einem freieren und erfüllten Leben zu beschreiten?

Deine Janina

„Du kannst keine neue Zukunft erschaffen, indem Du an den Emotionen aus der Vergangenheit festhältst.“

Dr. Joe Dispenza

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