14 Wochen geschafft, dann der Absturz
Warum ich nicht bei Null angefangen habe
Was ist ein Rückfall eigentlich? Und was nicht
Ein Vorfall oder ein Rückfall? Der Unterschied
Wie häufig sind Rückfälle wirklich? Was die Forschung zeigt
Rückfall nach Jahren: Warum auch nach 5, 10 oder 20 Jahren
Was spätere Rückfälle häufig gemeinsam haben
Die 3 Stufen eines Rückfalls: Wo er wirklich beginnt
Was einen Rückfall auslöst: Deine persönlichen Risikofaktoren
Lebensphasen, die Dich aus dem Tritt bringen
Deine persönlichen Risikofaktoren erkennen
Frühwarnzeichen erkennen: Das Ampelsystem
7 Schritte für die nächsten 24 Stunden
Schritt 1: Raus aus der Situation
Schritt 2: Aktiviere Deinen Körper
Schritt 4: Schadensminimierung statt Alles-oder-Nichts
Schritt 5: Gib Dir fünf Minuten
Schritt 6: Schreib den Tag auf
Schritt 7: Die Reflexion kommt morgen
Rückfallprävention: 5 Strategien, die im Alltag tragen
Strategie 1: Tägliche Check-ins
Strategie 2: Flexible Routinen etablieren
Strategie 3: Notfall-Toolbox bauen
Strategie 4: Grenzen setzen, ohne Dich zu isolieren
Strategie 5: Langfristige Lebensentscheidungen ernst nehmen
Warum Prävention ein Muskel ist
Es lief so lange gut. Wochen, vielleicht Monate, in denen Du das Gefühl hattest, endlich wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Und dann sitzt Du auf einmal zwischen leeren Verpackungen. Oder Du hast wieder die Waage hervorgeholt, die eigentlich längst weg war. Oder Du hast die Mahlzeit ausgelassen, obwohl Du wusstest, dass das der Anfang von etwas Altem ist. In Deinem Kopf ist nur ein Gedanke. Alles umsonst.
Dieser Gedanke ist laut. Er fühlt sich wahr an. Doch er ist es nicht. Ein Rückfall bedeutet nicht, dass Du gescheitert bist. Er bedeutet nicht, dass Du bei Null anfängst. Und er bedeutet erst recht nicht, dass Deine Heilung vorbei ist. Was Du in den Wochen oder Monaten davor erlebt und verstanden hast, das Wissen über Deinen Körper, die neuen Wege im Umgang mit Emotionen, die kleinen Siege, das alles ist nicht weg. Es ist noch in Dir.
Dieser Artikel nimmt Dich mit, vom Verstehen bis zum konkreten Plan für die nächsten 24 Stunden. Und er beginnt da, wo auch ich angefangen habe.
- Ein Rückfall ist kein Versagen: Er ist ein Hinweis, kein Urteil.
- Du fängst nicht bei Null an: Wissen, Erfahrung und die neuen Wege aus den Wochen davor sind noch in Dir.
- Stress ist der häufigste Auslöser: Deine persönlichen Trigger zu kennen, ist der erste Schritt zur Prävention.
- Bei akutem Rückfall: Raus aus der Situation. Nicht in Alles-oder-Nichts-Denken fallen.
14 Wochen geschafft, dann der Absturz
Ich landete im Krankenhaus und hatte eine Notoperation. Der Grund dafür war ein schlimmer Essanfall. Wie es dazu kam, habe ich in meiner Geschichte ausführlich erzählt. Doch nach dieser Nacht hatte ich mir geschworen, nie wieder. Nie wieder. Und 14 Wochen lang fühlte es sich auch so an, es lief gut. Ich aß relativ regelmäßig und hatte mich 14 Wochen nicht nach dem Essen erbrochen. Ich hatte sogar Tage, an denen ich nicht jede Minute ans Essen dachte. Für mich war das ein Wunder.
Doch auf einmal fand ich mich zwischen leeren Essensverpackungen wieder.
Zu dieser Zeit wohnte ich in einer WG. Zwei Bäder, viele Quadratmeter, lange Flure. Meine Mitbewohner waren oft unterwegs oder bekamen nicht mit, was in meinem Zimmer passierte. Essen war immer da. Ihres. Meines. Im Kühlschrank und in den Schränken lag alles griffbereit.
Mein Rückfall passierte an einem Donnerstag. Im Nachhinein musste es so kommen, denn es war mein schlimmster Tag. Donnerstag war mein Tanzabend. Da war ich den ganzen Tag unterwegs und kam erst gegen 21 Uhr nach Hause. Kurz vorher war ich immer noch beim Supermarkt. So auch an diesem Donnerstag. Und wie sonst auch hatte ich mir etwas gekauft, das für mehrere Essanfälle reichen sollte. Das machte ich meistens so. Aber es klappte nie.
Auch an diesem Tag klappte es nicht. Ich saß auf dem Boden und aß weiter und weiter. Ich konnte nicht aufhören. Obwohl ich wusste, dass ich müde war, dass der Wecker um 4 Uhr klingeln würde und dass ich vor der Arbeit noch zum Sport gehen würde. Ich konnte einfach nicht aufhören.
Was in meinem Kopf ablief, war ein einziger Satz. Ich habe alles kaputt gemacht. Ich bin eine Versagerin. 14 Wochen umsonst. Der Gedanke war so laut, dass er alles andere übertönte. Ich beschimpfte mich. Ich zweifelte an mir. Ich dachte, ich muss wieder bei Null anfangen, und das fühlte sich so unerträglich an, dass ich fast aufgegeben hätte.
Warum ich nicht bei Null angefangen habe
Doch ich fing nicht bei Null an. Die 14 Wochen waren nicht weg. Das Wissen über meinen Körper, die neuen Wege, die ich gefunden hatte, die Erfahrung, dass ich einen Tag ohne Essanfall überstehen konnte, all das war noch in mir. Nur verschüttet unter Scham.
Der Rückfall war auch kein Beweis, dass ich schwach war. Er war ein Hinweis. Es gab Themen, die ich noch nicht bearbeitet hatte. Es gab Gefühle, die ich nicht anders aushalten konnte als mit Essen. Die WG selbst war ein Trigger. Der ständige Zugang zum Essen, die Einsamkeit, die Struktur meines Alltags. Ich hatte mein Umfeld nicht verändert, nur mein Essverhalten. Der Rückfall zeigte mir nur, was noch fehlte.
Dass ich das damals nicht sah, ist auch nicht überraschend. Mitten im Essanfall siehst Du keine Hinweise. Du fühlst Scham, Selbsthass und den leisen Wunsch, aufzugeben. Der Abstand kommt später. Und mit dem Abstand kommt das Verstehen.
Dieser Rückfall war nicht das Ende meiner Recovery. Er war der Punkt, an dem sie tiefer wurde. Ich zog um. Ich wechselte den Job. Ich brach für eine Weile den Kontakt zu meiner Familie ab. Das war hart. Aber es war nötig. Ich baute mir ein Leben, in dem die Essstörung keinen Platz mehr hatte. Dass das möglich war, lag daran, dass ich trotz des Rückfalls weitermachte.
Was ist ein Rückfall eigentlich? Und was nicht
Ein Rückfall ist die Rückkehr zum Essstörungs-Verhalten nach einer stabilen Phase. Wie er konkret aussieht, hängt davon ab, welche Essstörung Du hast.
Ich selbst kenne Anorexie und Bulimie aus eigener Erfahrung. Binge Eating kenne ich vor allem durch die Frauen, die zu mir ins Coaching kommen.
Bei Magersucht beginnt der Rückfall oft mit der Waage, die wieder aus dem Schrank kommt. Mit der Portion, die wieder kleiner wird. Mit dem Lebensmittel, das Du eigentlich schon integriert hattest und das nun wieder verschwindet. Der Körper verliert erneut Gewicht, auch wenn das von außen manchmal noch nicht sichtbar ist.
Bei Bulimie ist es der Essanfall, der zurückkommt. Oder das Erbrechen. Oder das kompensierende Verhalten, das Du längst hinter Dir geglaubt hattest. Abführmittel. Exzessiver Sport. Tage voller Restriktion, um den Essanfall auszugleichen.
Bei Binge Eating kehren die Essanfälle zurück, ohne das, was bei der Bulimie danach folgt. Die abendliche Tüte Chips, die zu einer Packung wird. Das heimliche Essen im Auto. Das Gefühl, keine Kontrolle mehr über die Menge zu haben. Essen weit über das Sättigungsgefühl hinaus.
Die konkrete Form ist unterschiedlich. Das Muster dahinter ist dasselbe. Essen wird wieder zum Werkzeug für etwas, das nichts mit Essen zu tun hat.
Ein Vorfall oder ein Rückfall? Der Unterschied
Und hier kommt der Punkt, der bei vielen Frauen den Unterschied zwischen Aufgeben und Weitermachen ausmacht. Nicht jeder schwere Tag ist ein Rückfall.
Ein Essanfall nach einer stabilen Phase ist ein Vorfall, kein Rückfall. Ein einzelnes Mal auf die Waage steigen, nachdem Du sie monatelang nicht benutzt hast, ist ein Vorfall. Eine Mahlzeit, die Du ausgelassen hast, weil der Tag chaotisch war, ist ein Vorfall. Ein Rückfall ist das Muster, das sich aus mehreren Vorfällen baut, wenn Du sie nicht einordnest.
Der Unterschied ist wichtig, weil er darüber entscheidet, wie Du reagierst. Einen Vorfall kannst Du einordnen, verstehen und integrieren. Das „Jetzt ist sowieso alles kaputt-Denken“ ist das eigentliche Risiko. Denn dieser Gedanke öffnet die Tür zu den nächsten Vorfällen.
Ein Zitat, das mir geholfen hat, stammt von Monika Kühn-Görg. „Auch der Fortschritt macht Rückschritte.“ Das klingt banal, bis Du mitten drinstehst. Dann ist es einer der wenigen Sätze, die tragen.
Ob Du das, was gerade passiert ist, Vorfall oder Rückfall nennst, bleibt Dir überlassen. Manche Frauen sagen lieber Vorfall, weil das Wort Rückfall sich wie ein Urteil anfühlt. Andere sagen Rückfall, weil sie die Ehrlichkeit brauchen. Beides ist in Ordnung. Das Wort ist weniger wichtig als das, was Du damit machst.
Wie häufig sind Rückfälle wirklich? Was die Forschung zeigt
Wenn Du gerade einen Rückfall hattest, ist der folgende Satz wahrscheinlich wichtiger als das, was danach kommt. Dass Du einen Rückfall hattest, macht Dich nicht zur Ausnahme. Fast jede Frau mit einer Essstörung kennt das. Die genauen Zahlen kennen die wenigsten.
Die bisher umfassendste Meta-Analyse zu Essstörungen wertete 2024 insgesamt 415 Studien mit 88.372 Betroffenen aus. Gepoolt über alle Essstörungen hinweg erlebten 26 Prozent der Betroffenen nach einer Genesung einen Rückfall. Die Zahlen im Detail unterscheiden sich aber je nach Essstörung, wie die folgenden Werte zeigen.
Bei Magersucht liegt die Rückfallquote in den ersten ein bis zwei Jahren nach einer Behandlung zwischen 31 und 37 Prozent. Eine aktuelle Meta-Analyse bestätigt diese Größenordnung. Das heißt, von zehn Frauen, die als stabil entlassen werden, erleben 3–4 einen Rückfall im ersten oder zweiten Jahr.
Bei Bulimie sieht die Quote ähnlich aus. Auch hier liegt sie bei etwa 30 Prozent. Langzeitstudien zeigen außerdem, dass Rückfälle auch nach fünf, zehn oder mehr Jahren noch auftreten können.
Bei Binge Eating liegt die Rückfallquote bei bis zu 35 Prozent für Personen, die eine Remission erreicht haben. Zudem gibt es dort häufig längere Verläufe, in denen sich Phasen mit Essanfällen und stabilen Phasen über Jahre abwechseln. Diese Zahlen können im ersten Moment demotivierend wirken. Ich will damit etwas anderes klar machen.
Was die Zahlen nicht sagen
Die Zahlen sagen, wie oft Rückfälle in einer Population auftreten. Sie sagen aber nichts darüber, ob Du einen haben wirst.
Eine Rückfallquote von 30 Prozent bedeutet nicht, dass Du zu 30 Prozent rückfällig wirst. Sie bedeutet, dass in der untersuchten Gruppe ein bestimmter Anteil einen Rückfall erlebt hat. Dein persönlicher Verlauf hängt von vielen Faktoren ab, die keine Statistik abbilden kann. Zum Beispiel von diesen Fragen:
- Wie lange die Essstörung bestand.
- Welche Therapie Du gemacht hast.
- Ob Du Deine Lebensumstände verändert hast.
- Wie gut Dein Unterstützungssystem ist.
- Ob Du an den Ursachen gearbeitet hast oder nur an den Symptomen.
Und sie sagen noch etwas anderes nicht. Sie sagen nichts darüber, was nach dem Rückfall kommt. In meiner Arbeit treffe ich viele Frauen, die Rückfälle erlebt haben und bei denen die Essstörung heute nicht mehr ihr Leben bestimmt. Der Rückfall war nicht das Ende ihres Weges. Er war oft der Punkt, an dem sie verstanden haben, was ihnen noch fehlte.
Die Zahlen sind keine Prognose. Sie sind eine Erlaubnis. Die Erlaubnis, Dich nicht als gescheitert zu sehen, wenn es Dich getroffen hat. Der Rückfall ist ein Teil vieler Heilungswege, nicht das Ende eines einzelnen.
Rückfall nach Jahren: Warum auch nach 5, 10 oder 20 Jahren
„Ich dachte, ich hätte das hinter mir. Warum jetzt, nach all der Zeit?“
Diese Frage höre ich immer wieder mal. Meistens von Frauen, die mehrere Jahre lang stabil waren. Sie haben Kinder bekommen. Sie haben einen Job, eine Partnerschaft, ein Leben, das mit der Essstörung von damals nichts mehr zu tun zu haben scheint. Und dann, ausgelöst durch eine Lebenskrise oder manchmal auch scheinbar aus dem Nichts, kommt etwas zurück. Ein Gedanke. Ein Verhalten. Die Waage. Der Essanfall. Und mit ihm die Angst, alles verloren zu haben.
Eine Langzeitstudie über 22 Jahre hat Frauen mit Bulimie und Anorexie begleitet. Auch nach über einem Jahrzehnt waren Rückfälle bei manchen Teilnehmerinnen noch dokumentiert. Das klingt zunächst entmutigend. Aber die Studien zeigen noch etwas anderes. Frauen durchleben diese Rückfälle, bearbeiten sie und werden wieder stabil.
Was spätere Rückfälle häufig gemeinsam haben
Späte Rückfälle haben oft einen Auslöser, wie zum Beispiel:
- Hormonelle Umbrüche durch Schwangerschaft, und die Zeit danach oder Wechseljahre.
- Lebenskrisen wie eine Trennung, ein Todesfall, ein Jobverlust, ein Umzug oder eine Diagnose
- Scheinbar positive Veränderungen. Eine Beförderung mit mehr Stress, eine neue Beziehung, die alte Wunden aufreißt
Der Körper verändert sich, und mit ihm verändern sich oft Wahrnehmung und Kontrollbedürfnis
Diese späten Rückfälle bedeuten nicht, dass Du nie wirklich geheilt warst. Sie bedeuten nicht, dass alles umsonst war. Sie bedeuten, dass eine Essstörung ein Muster in Deinem Nervensystem hinterlässt. Ein Muster, das unter Extrembelastung wieder aktiv werden kann. Nicht, weil Du schwach bist. Sondern weil Dein System so gebaut ist. So wie ein Körper, der früher eine Knieverletzung hatte, unter Belastung wieder Beschwerden zeigen kann. Das Knie ist nicht mehr kaputt, aber es hat eine Geschichte.
Was bei dieser Art von Rückfällen hilft, ist die Bereitschaft, den Rückfall früh zu erkennen und ernst zu nehmen. Nicht durch Selbstbestrafung. Sondern dadurch, dass Du die Muskeln aus Deiner ersten Recovery wieder aktivierst. Die Werkzeuge sind noch da. Sie sind nicht weg, nur weil Du sie lange nicht gebraucht hast. Es braucht Zeit, um wieder stabil zu laufen. Aber die Werkzeuge sind da.
Die 3 Stufen eines Rückfalls: Wo er wirklich beginnt
Ein Rückfall läuft in drei Stufen ab. Emotional. Mental. Verhalten. Wenn Du diese drei Stufen kennst, kannst Du sie wahrnehmen und früher reagieren.
Die meisten Frauen bemerken ihren Rückfall erst auf Stufe 3. Sie denken, er habe in diesem Moment begonnen. Doch tatsächlich beginnt ein Rückfall viel früher. In einem Bereich, den niemand von außen sieht. Und genau dort liegt Deine Chance, ihn zu stoppen, bevor er im Verhalten ankommt.
Stufe 1: Die emotionale Ebene
Die erste Stufe ist die leiseste. Sie beginnt mit Gefühlen, die schleichend zurückkommen. Eine Unzufriedenheit mit Dir selbst, die Du lange nicht mehr gespürt hattest. Scham nach einer Mahlzeit. Schuld, wenn Du etwas isst, das Du früher gemieden hast. Eine diffuse Hoffnungslosigkeit, die sich nicht richtig festmachen lässt.
Auf dieser Stufe passiert noch nichts, was von außen sichtbar wäre. Du isst noch. Du funktionierst noch. Aber in Dir fängt etwas an zu kippen. Der Ton, in dem Du mit Dir selbst sprichst, wird rauer. Die Geduld, die Du mit Dir hattest, wird kürzer. Die Nähe, die Du zu Dir selbst aufgebaut hattest, verschiebt sich um Millimeter.
Die meisten Frauen übersehen diese Stufe. Nicht, weil sie unaufmerksam sind. Sondern, weil sie die emotionale Ebene nicht hören. Die emotionale Ebene flüstert, und Flüstern ist schwer zu hören, wenn der Alltag laut ist.
Stufe 2: Die mentale Ebene
Aus dem Flüstern wird eine leise Stimme. Die alten Denkmuster kehren zurück. „Ich bin zu viel.“ „Ich müsste eigentlich weniger essen.“ „Früher war ich wenigstens diszipliniert.“ Dieser letzte Gedanke ist besonders gefährlich, weil er die Essstörung idealisiert. Er erinnert Dich an eine Zeit, in der Du angeblich Kontrolle hattest. Doch er blendet aus, was Dich diese vermeintliche Kontrolle gekostet hat.
Auf dieser Stufe kommen auch Rechtfertigungen zurück. „Ist doch sowieso egal.“ „Einmal macht den Braten nicht fett.“ „Ich weiß, was ich tue.“ Dein Kopf baut Dir eine Logik, die Dich dahin führt, wo ein Teil von Dir wieder hinwill. Nicht weil Du das wirklich willst. Sondern weil die alte Struktur Sicherheit verspricht in einer Situation, in der Du gerade keine Sicherheit findest.
Die mentale Ebene ist noch ein guter Interventionspunkt. Hier kannst Du Dich noch distanzieren. Du kannst diese Gedanken noch hinterfragen. Du kannst mit jemandem reden, der sie mit Dir einordnet. Du kannst sie aufschreiben, um zu sehen, wie alt sie sind und wem sie gehören. Auf dieser Stufe ist der Rückfall noch kein Rückfall. Er ist ein Entwurf, den Du noch umschreiben kannst.
Stufe 3: Das Verhalten
Und dann kommt die dritte Stufe. Die einzige, die von außen sichtbar wird. Die Waage kommt wieder raus. Die Portionen werden kleiner, oder die Essanfälle fangen wieder an. Du meidest bestimmte Lebensmittel. Du ziehst Dich zurück, weil Du keine Kraft für andere Menschen hast. Du wiegst, zählst und kontrollierst wieder.
Die meisten Frauen erkennen ihren Rückfall erst auf dieser Stufe. Das ist nicht ihre Schuld. Es liegt in der Natur der Essstörung, die ersten zwei Stufen zu verstecken, weil sie sonst nicht durchkäme. Wenn Du Dich jetzt auf Stufe 3 wiederfindest, hat Dein System Dich auf den Stufen davor bereits gewarnt. Du hast die Warnungen nicht bewusst ignoriert. Du hast sie nicht erkannt.
Zwischen Stufe 1 und Stufe 3 liegen oft Wochen. Manchmal Monate. Das ist Zeit mit Handlungsraum. Und je früher Du die Auslöser und Frühwarnzeichen erkennst, desto seltener kommst Du bis auf Stufe 3. Wie Du das machst, beschreibe ich Dir in den nächsten Abschnitten.
Was einen Rückfall auslöst: Deine persönlichen Risikofaktoren
Ein Rückfall kommt selten aus dem Nichts. Er hat Auslöser. In meiner Arbeit sehe ich, dass diese Auslöser bei jeder Frau anders aussehen. Was die eine aus der Bahn wirft, lässt die andere kalt. Deshalb ist der erste Schritt, Deine eigenen Risikofaktoren zu kennen. Die häufigsten kommen jetzt.
Stress
Stress ist der häufigste Rückfallauslöser bei Essstörungen. Das ist nicht nur mein Eindruck aus der Praxis. Eine prospektive Studie hat 117 Frauen mit Bulimie und verwandten Diagnosen über sechs Jahre begleitet. Das Ergebnis war eindeutig. Beruflicher und sozialer Stress gehörten zu den stärksten Warnsignalen für einen bevorstehenden Rückfall.
Bei Binge Eating sieht es ähnlich aus. Eine Studie mit Echtzeit-Messungen im Alltag zeigte, dass sich angesammelter Stress über den Tag als wichtiger Auslöser für Essanfälle erwies.
Schau dafür auf Deine eigenen Stress-Trigger. Ist es Deine Arbeit, die Dich regelmäßig an den Rand Deiner Kapazität bringt? Sind es bestimmte Beziehungen, die Dir Energie rauben? Oder sind es Veränderungen allgemein, die Dich innerlich in Unruhe bringen? Wenn Du diese Muster benennen kannst, kannst Du früher darauf reagieren.
Bei mir damals war es die Kombination aus einem Job, zu dem ich viel zu weit mit dem Auto fahren musste, und einer WG, die mich einsam machte. Zwei Dinge, die ich lange nicht als Trigger gesehen habe. Erst als ich beides veränderte, wurde es mir klar.
Lebensphasen, die Dich aus dem Tritt bringen
Der zweite häufige Auslöser, den ich bei meinen Klientinnen sehe, sind Übergangsphasen. Das sind die Tage oder Wochen, in denen Du nicht in Deinem gewohnter Alltag bist. Feiertage. Ein Umzug. Urlaub. Die ersten Wochen in einem neuen Job. Die Rückkehr aus einer langen Auszeit.
Diese Phasen haben alle etwas gemeinsam. Sie sind untypisch. Du weißt nicht genau, wie Du Dich verhalten sollst. Die Struktur, auf die Du Dich sonst verlässt, fehlt. Und genau in dieser Lücke kann die Essstörung wieder Raum finden.
Überforderung und Einsamkeit
Situationen, in denen Du Dich überfordert fühlst, sind verletzlich. Genauso Situationen, in denen Du Dich einsam fühlst. Beides sind Zustände, in denen die Essstörung früher für Dich eingesprungen ist. Sie hat Dir eine Form von Ablenkung, Kontrolle oder Trost gegeben, die Dir in dem Moment sonst niemand geben konnte.
Wenn Du heute wieder in so einer Situation landest, reagiert Dein System auf den bekannten Weg. Nicht, weil Du schwach bist. Sondern weil Dein Gehirn gelernt hat, dass das früher funktioniert hat.
Deine persönlichen Risikofaktoren erkennen
Mach an dieser Stelle einmal Pause. Stell Dir ehrlich die Frage, wo Deine persönlichen Risikofaktoren liegen. Vielleicht schreibst Du Dir die Frage auch auf.
- Wann warst Du zuletzt in einer Situation, in der es kippte?
- Was war davor?
- Was hatte sich verändert?
- Was hat gefehlt?
Je klarer Du Deine eigenen Muster siehst, desto weniger kann Dich ein Rückfall überraschen. Und desto früher kannst Du gegensteuern, wenn Du die ersten Anzeichen bei Dir bemerkst. Wie Du diese Anzeichen früh erkennst, zeige ich Dir jetzt.
Frühwarnzeichen erkennen: Das Ampelsystem
Ein Rückfall passiert nicht auf einmal. Du bist nicht entweder stabil oder mittendrin. Zwischen beiden Zuständen liegt ein Bereich, in dem Dein System Dir bereits Signale sendet. Diesen Bereich kannst Du lernen zu lesen.
Ein Modell, das vielen meiner Klientinnen hilft, ist das Drei-Stufen-Ampelsystem. Grün, Gelb, Rot. Jede Farbe steht für einen anderen Zustand, und jede Farbe erfordert eine andere Art von Aufmerksamkeit.
Grün: Stabile Phase
In der grünen Phase läuft es. Du hast gute Routinen, die Dich tragen. Du isst weitgehend entspannt. Du sprichst mit Dir selbst, wie Du auch mit Deiner Freundin sprechen würdest. Deine Bedürfnisse sind Dir bekannt, und Du kümmerst Dich regelmäßig um sie.
Das heißt nicht, dass es in der grünen Phase keine schlechten Tage gibt. Die gibt es. Aber sie erschüttern Dich nicht. Sie sind schlechte Tage in einem stabilen Leben. Kein Hinweis auf einen Rückfall.
Gelb: Die ersten Warnsignale
Gelb ist die wichtigste Farbe des Ampelsystems. Denn Gelb ist der Punkt, an dem Du noch handeln kannst, bevor es kippt. Und wie das Kapitel über Stress gezeigt hat, kündigen sich Rückfälle oft Wochen oder Monate vorher an. Dafür musst Du Deine Signale kennen.
Die häufigsten Warnsignale kannst Du lernen zu erkennen. Aber Dein Bauchgefühl ist oft früher als Dein Verstand. Wenn Du das leise Gefühl hast, dass etwas in Dir kippt, auch wenn Du es nicht benennen kannst, nimm es ernst.
Die zehn häufigsten Signale, die ich bei meinen Klientinnen beobachte und die auch ich von mir selbst kenne, sind folgende:
- Du führst wieder negative Selbstgespräche.
- Alte Denkmuster tauchen auf. Etwa „Ich bin zu viel“ oder „Ich habe kein Recht zu essen.“
- Du vergleichst Dich wieder täglich mit anderen Körpern.
- Du isolierst Dich sozial, auch wenn Dir niemand etwas getan hat.
- Du bist chronisch müde.
- Du denkst wieder über Kalorien oder Gewicht nach.
- Du meidest bestimmte Lebensmittel stärker als zuletzt.
- Dein Essverhalten verändert sich, Du isst mehr oder weniger.
- Du idealisierst Deine Essstörungszeit. „Damals war ich wenigstens diszipliniert.“
- Dein Bauchgefühl sagt Dir, dass etwas nicht stimmt. Aber Du ignorierst es.
Wenn Du zwei oder mehr dieser Signale gleichzeitig bei Dir bemerkst, bist Du in Gelb. Das ist keine Katastrophe, sondern eine Information. Und diese Information ist wertvoll, weil Du sie nutzen kannst, bevor Du Stufe 3 erreichst.
Daher ist Gelb auch die wichtigste Phase. Denn die meisten Rückfälle werden erst in der roten Phase bemerkt, weil es in der Natur der Essstörung liegt, die ersten Signale gut zu verstecken. Aber wenn Du einmal weißt, dass es diese gelbe Phase gibt, kannst Du lernen, sie zu erkennen.
Rot: akute Rückfallgefahr
In der roten Phase zeigen sich die ersten alten Verhaltensweisen wieder. Du wiegst Dich wieder öfter, lässt Mahlzeiten ausfallen oder hast einen Essanfall.
Rot bedeutet nicht, dass Du alles verloren hast. Aber Rot bedeutet, dass jetzt aktives Handeln nötig ist. Die Werkzeuge, die in Gelb noch gereicht hätten, reichen in Rot oft nicht mehr allein. Was Du jetzt brauchst, ist ein klarer Plan. Was Du konkret tun kannst, wenn Du gerade in Rot bist, dazu kommen wir jetzt.
7 Schritte für die nächsten 24 Stunden
Vielleicht liest Du diesen Artikel gerade nicht in Ruhe, sondern in Panik, weil Du einen Rückfall hast oder hattest.
Dieses Kapitel ist für diesen Moment. Sieben Schritte, die Du jetzt gehen kannst, in den nächsten Minuten, Stunden und morgen früh. Nicht alle auf einmal. Nimm Dir einen, und wenn Du den nächsten brauchst, geht es weiter.
Schritt 1: Raus aus der Situation
Verlass den Ort, raus aus der Küche, dem Bad oder dem Zimmer, in dem Du gerade bist. Wechsel den Raum. Geh kurz vor die Tür.
Das klingt banal, wirkt aber, weil Dein Gehirn durch wiederholtes Verhalten eine automatische Verknüpfung zwischen Kontext und Verhalten bildet. Also sind auch bestimmte Räume mit bestimmten Verhaltensweisen verknüpft. Sobald Du den Raum wechselst, unterbrichst Du diese Verknüpfung. Für ein paar Sekunden ist der Automatismus gebrochen. In diesen Sekunden liegt Dein Handlungsraum.
Schritt 2: Aktiviere Deinen Körper
Trink ein Glas Wasser. Atme tief. Drei Mal. Tiefer, als Du normalerweise atmest. Geh fünf Minuten spazieren, auch wenn es nur einmal um den Block ist. Wasch Dir das Gesicht mit kaltem Wasser.
Das sind keine großen Dinge. Sie sollen Dein Nervensystem aus dem Automatismus holen. Wenn Dein Körper etwas anderes tut als eben noch, folgt Dein Gehirn nach. Langsam, aber es folgt.
Schritt 3: Ruf jemanden an
Eine Freundin. Dein Partner. Deine Mutter, wenn ihr eine gute Beziehung habt. Dein Coach oder Therapeut, wenn Du einen hast. Oft reicht es, einen Menschen an der Leitung zu haben, dem Du vertraust. Seine Stimme und die Verbindung. Das allein verschiebt etwas in Dir.
Du kannst Dir für so einen Moment eine Notfallliste anlegen. Nicht jetzt, wenn Du in einer Krise bist, sondern dann, wenn Du stabil bist. Drei bis fünf Menschen, die Du anrufen kannst.
Schritt 4: Schadensminimierung statt Alles-oder-Nichts
Das ist jetzt extrem wichtig, weil Schwarz-Weiß-Denken fast jede Frau mit Essstörung betrifft. Wenn schon etwas passiert ist, Du schon einen Essanfall hattest, Du schon erbrochen hast, ist der gefährlichste Gedanke jetzt dieser. „Jetzt ist es eh egal. Jetzt kann ich auch so weitermachen.“
Dieser Gedanke ist die Essstörung, die mit Dir spricht. Nicht Du. Dies wird auch als Abstinence Violation Effect bezeichnet. Das heißt, der erste Fehltritt wird als totales Scheitern interpretiert und befeuert den weiteren Rückfall. Doch diese Logik ist falsch.
Zwischen einem einzelnen Vorfall und einem kompletten Rückfall liegen Wochen oder Monate. Wenn Du jetzt stoppst, hast Du einen Vorfall. Wenn Du jetzt weitermachst, baust Du Dir den Rückfall selbst auf. Also direkt aufzuhören, ist Schadensminimierung.
Schritt 5: Gib Dir fünf Minuten
Wenn der Drang da ist, weiterzumachen, und er ist nach einem Vorfall oft da, gib Dir fünf Minuten. Nur fünf. Setz Dich hin. Stell den Timer. Und entscheide nach diesen fünf Minuten neu.
Das klingt zu klein, um zu funktionieren. Aber fünf Minuten sind Zeit, in der Dein Nervensystem Impulse senken kann. Was sich in Minute Null unmöglich anfühlt, fühlt sich in Minute Sechs oft anders an. Nicht gelöst. Aber anders. Und das reicht, um die nächste Entscheidung nicht aus dem Affekt zu treffen.
Schritt 6: Schreib den Tag auf
Nicht, um Dich zu analysieren. Nicht, um Dich zu verurteilen. Sondern, um Abstand zu bekommen. Schreib auf, was heute war. Also wie der Tag begonnen hat, was vorher passiert ist und wie Du Dich gerade fühlst.
Das Aufschreiben verschiebt etwas. Denn was im Kopf als Chaos kreist, wird auf dem Papier zu Text. Text ist greifbar. Chaos nicht. Und manchmal siehst Du im Aufschreiben Muster, die Du im Erleben übersehen hast.
Schritt 7: Die Reflexion kommt morgen
Der letzte Schritt gehört nicht mehr zur direkten Hilfe. Dieser Schritt ist für den Tag danach. Mit etwas Abstand, stell Dir drei Fragen.
- Was hat mir gefehlt?
- Welche Warnsignale habe ich ignoriert?
- Was brauche ich künftig früher?
Diese Fragen sind keine Schuldzuweisung, sondern Information. Sie machen aus einem Vorfall einen Informationsgeber. So kannst Du beim nächsten Mal früher gegensteuern.
Rückfallprävention: 5 Strategien, die im Alltag tragen
Die sieben Schritte aus dem vorherigen Kapitel sind für den Moment gedacht, in dem es brennt. Was Du brauchst, um gar nicht erst in diesen Moment zu kommen, ist etwas anderes. Eine Struktur, die Deinen Alltag trägt, auch an Tagen, an denen Du Dich schwach fühlst.
Ich will Dir fünf Strategien an die Hand geben, die ich selbst genutzt habe. Keine dieser Strategien ist groß. Keine verlangt von Dir, Dein Leben umzubauen. Aber jede von ihnen macht einen Unterschied, wenn Du sie in Deinen Alltag integrierst.
Strategie 1: Tägliche Check-ins
Der wichtigste Baustein ist auch der einfachste. Frag Dich einmal am Tag, wie es Dir geht. Körperlich. Emotional. Mental. Nicht länger als zwei Minuten. Keine große Analyse. Einfach die Stufen einmal abklappern.
- Wie fühlt sich mein Körper heute an? Müde? Wach? Unruhig?
- Wie fühle ich mich emotional? Was ist die Grundstimmung? Was schwingt mit?
- Was gehen mir für Gedanken durch den Kopf? Sind das Gedanken, die mich stützen, oder Gedanken, die mich runterziehen?
Je öfter Du das tust, desto schneller wirst Du Veränderungen an Dir wahrnehmen. Und je früher Du sie wahrnimmst, desto früher kannst Du handeln.
Strategie 2: Flexible Routinen etablieren
Routinen sind gut. Sie geben Halt. Aber Routinen aus der Essstörung sind starre Regeln, die Dich einsperren. Der Unterschied liegt in der Flexibilität.
Eine hilfreiche Routine trägt Dich, gibt Dir aber Raum für Spontanität. Ein festes Frühstücksfenster ist eine gute Routine. Ein Frühstück, das jeden Tag aus denselben 27 Gramm Haferflocken mit denselben 12 Gramm Apfel besteht, ist eine Essstörungsstruktur.
Schau Dir Deine eigenen Routinen an. Welche tun Dir gut? Welche haben sich aus alten Mustern eingeschlichen? Und wo kannst Du eine Routine behalten, aber sie flexibler gestalten, damit sie Halt gibt, ohne einzusperren?
Strategie 3: Notfall-Toolbox bauen
Eine Notfall-Toolbox ist eine Sammlung an Werkzeugen, die Du in schwierigen Momenten abrufen kannst. Was konkret drin ist, ist bei jeder Frau anders. Das erarbeite ich in meinen Coachings individuell. Aber es gibt ein paar Dinge, die oft hilfreich sind.
- Atemübungen, die Du immer wieder ausprobierst, bis Du eine findest, die bei Dir wirkt.
- Ein Journal, in dem Du schreiben kannst, wenn der Kopf überläuft.
- Eine beruhigende Playlist, die Du nicht für Workouts nutzt, sondern wirklich nur in Krisenmomenten.
- Eine Notfallliste mit drei bis fünf Menschen, die Du anrufen kannst.
Manche meiner Klientinnen haben auch physische Dinge dabei. Ein Kaugummi. Ein Duftöl. Einen Stein, der sich in der Hand gut anfühlt. Eine Notiz mit einem stabilisierenden Satz. Das alles klingt vielleicht zunächst albern. Es wirkt aber, weil es Dein Nervensystem über den Tastsinn oder den Geruchssinn beruhigt. Nicht über den Kopf.
Baue Dir Deine eigene Toolbox. Pack rein, was bei Dir wirkt. Teste Dinge aus. Und trage sie im Alltag bei Dir, damit Du sie im Notfall nicht suchen musst.
Strategie 4: Grenzen setzen, ohne Dich zu isolieren
Eine gesunde Grenze heißt, dass Du Nein sagst zu etwas, das Dich überfordert. Das heißt nicht, dass Du den Kontakt abbrichst.
Halte Verbindung zu den Menschen, die Dir guttun. Und überfordere Dich gleichzeitig nicht mit Verpflichtungen, die Dich leer zurücklassen. Beides geht. Das ist der Balanceakt, den Du üben darfst. Nein zu einem Termin heißt nicht Nein zu einem Menschen.
Pflege Deine Kontakte regelmäßig, nicht erst dann, wenn es brennt. Melde Dich bei den Menschen, die Dir wichtig sind, auch wenn Du gerade nichts Dramatisches zu erzählen hast. Genau diese regelmäßige Verbindung ist es, die im Notfall trägt.
Strategie 5: Langfristige Lebensentscheidungen ernst nehmen
Das ist die Strategie, die am unbequemsten ist. Und es ist die, die bei mir den Unterschied gemacht hat.
Nach meinem Rückfall musste ich mir eingestehen, dass meine Wohnung und der damalige Job nicht das waren, was ich wollte. Es waren Dinge, an denen ich lange festgehalten hatte, weil ich dachte, mit mir selbst zu arbeiten würde reichen. Aber irgendwann wurde mir klar, dass ich einige Entscheidungen für mich treffen musste, weil es mir so nicht gut ging. Die Essstörung hatte nicht nur in mir ihren Platz. Sie hatte auch in meiner Umgebung ihren Platz. Und solange die Umgebung gleichblieb, konnte ich machen, was ich wollte.
Das muss bei Dir nicht nötig sein. Aber wenn Du merkst, dass Dich bestimmte Lebensumstände regelmäßig triggern, ist das ein Signal, keine Nebensache. Eine Beziehung, die Dich runterzieht. Ein Job, der Energie zieht. Eine Wohnsituation, die Dich einsam macht. Das sind keine Randthemen in Deiner Recovery, sondern zentrale Fragen.
Das heißt nicht, dass Du morgen alles umwerfen musst. Aber es heißt, dass Du hinschauen darfst. Und dass Du Dir erlauben darfst, solche Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie hart sind.
Warum Prävention ein Muskel ist, und wie Du ihn trainierst
Rückfallprävention ist ein Muskel. Und er ist trainierbar.
Das heißt, Du musst nicht perfekt sein. Du darfst schwache Tage haben. Das macht Dich nicht schwach. Stabilität bedeutet nicht, dass jeder Tag gleich aussieht. Sie bedeutet, dass Du einen Spielraum hast und dass Du weißt, wie Du zurückfindest, wenn Du mal aus dem Tritt gerätst.
Je öfter Du diese fünf Strategien nutzt, desto selbstverständlicher werden sie. Desto schneller greifst Du im Ernstfall auf sie zurück. Und desto seltener rutschst Du überhaupt erst in eine rote Phase, weil Du früher spürst, wann es kippt, und früher handelst.
Was Du aus Deinem Rückfall mitnehmen kannst
Ein Rückfall ist kein Urteil, sondern ein Hinweis. Kampf und Frieden können nicht gleichzeitig nebeneinander stehen. Solange Du gegen Dich selbst kämpfst, solange Du den Rückfall als Beweis Deines Versagens nimmst, bleibt Dir kein Raum für das, was wirklich zählt.
Denn Du fängst nicht bei Null an. Was Du in den Wochen oder Monaten davor aufgebaut hast, ist nicht weg. Das Wissen über Deinen Körper, Dein Umgang mit Emotionen, die Erfahrung, dass Du es schon einmal geschafft hast, all das ist noch in Dir. Ein Rückfall löscht nichts. Er zeigt Dir nur, wo Du noch hinschauen darfst.
Genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Arbeit. Vielleicht ist es die Angst vor einer Gewichtszunahme , die in Dir arbeitet. Vielleicht Angst vor bestimmten Lebensmittel. Vielleicht ein Muster des Vergleichens , das Dich aus der Stabilität kippt. Was Dein Thema ist, kannst Du herausfinden.
Viele Frauen, die ich heute begleite, haben an genau diesem Punkt angefangen. Mitten im Rückfall, mit dem Gefühl, dass alles umsonst war. Für viele wurde genau dieser Punkt zum Anfang ihrer eigentlichen Heilung.
Wenn Du spürst, dass Du gerade alleine nicht weiterkommst, melde Dich gerne. In einem kostenfreien Kennenlerngespräch schauen wir gemeinsam, was Du gerade brauchst und was Dein nächster Schritt sein könnte.
Alles Liebe, Deine Janina
Auch der Fortschritt macht Rückschritte
Monika Kühn-Görg
FAQ: Was Du sonst noch wissen willst
Ein Rückfall ist die Rückkehr zu Essstörungs-Verhalten nach einer stabilen Phase. Wie er konkret aussieht, hängt von Deiner Essstörung ab.
Bei Magersucht beginnt er oft mit restriktivem Essen, der Waage oder dem Verschwinden von Lebensmitteln aus Deinem Alltag.
Bei Bulimie mit dem Wiederauftreten von Essanfällen, Erbrechen oder kompensierendem Verhalten.
Bei Binge-Eating mit dem Kontrollverlust über die Menge.
Nicht jeder schwere Tag ist ein Rückfall. Ein einzelner Essanfall oder ein einmaliges Wiegen ist ein Vorfall. Ein Rückfall ist das Muster, das sich aus mehreren Vorfällen baut, wenn Du sie nicht einordnest.
Bei Magersucht liegt die Rückfallquote in den ersten ein bis zwei Jahren nach einer Behandlung zwischen 31 und 37 Prozent. Eine aktuelle Meta-Analyse bestätigt diese Größenordnung. Das heißt, von zehn Frauen, die als stabil entlassen werden, erleben 3–4 einen Rückfall im ersten oder zweiten Jahr.
Das heißt aber nicht, dass Du automatisch rückfällig wirst. Dein persönlicher Verlauf hängt von vielen Faktoren ab, die keine Statistik abbilden kann.
Ja. Auch nach fünf, zehn oder mehr Jahren sind Rückfälle möglich. Eine Langzeitstudie über 22 Jahre hat das für Bulimie und verwandte Diagnosen dokumentiert. Das bedeutet nicht, dass Du nie wirklich geheilt warst. Es bedeutet, dass eine Essstörung ein Muster hinterlässt, das unter Extrembelastung wieder aktiv werden kann. Lebenskrisen, hormonelle Umbrüche oder große Veränderungen sind häufige Auslöser solcher späten Rückfälle.
Als Erstes verlasse den Ort. Raus aus der Küche, aus dem Bad, aus dem Raum, in dem Du gerade bist. Trink ein Glas Wasser. Atme dreimal tief durch. Ruf jemanden an, wenn Du kannst.
Fall nicht in „Alles-oder-Nichts-Denken“. Der Gedanke „Jetzt ist es eh egal, ich kann auch weitermachen“ ist die Essstörung, die mit Dir spricht. Nicht Du. Die ausführlichen sieben Schritte für diesen Moment findest Du weiter oben im Abschnitt „7 Schritte für die nächsten 24 Stunden“.
Die ersten Anzeichen sind leise. Sie zeigen sich nicht im Verhalten, sondern auf der emotionalen und mentalen Ebene. Negative Selbstgespräche, Hoffnungslosigkeit, Scham nach dem Essen. Dann kommen alte Denkmuster zurück, wie „Ich bin zu viel.“ Körperliche Zeichen wie chronische Müdigkeit oder sozialer Rückzug treten oft gleichzeitig auf. Erst danach verändert sich das Essverhalten sichtbar. Genau deshalb ist es so wichtig, die frühen Signale zu kennen, bevor das Verhalten kippt.
Stress ist der häufigste Rückfallauslöser bei Essstörungen.
Eine sechsjährige Studie mit 117 Frauen hat beruflichen und sozialen Stress als signifikantes Warnsignal identifiziert.
Auch bei Binge-Eating zeigt sich dieser Zusammenhang deutlich. Eine Studie mit Echtzeit-Messungen im Alltag fand, dass sich über den Tag angesammelter Stress als wichtiger Auslöser für Essanfälle erwies.
Der Grund liegt in Deinem Nervensystem. Unter Stress greift Dein Gehirn auf bekannte Regulationsmuster zurück. Wenn das Muster früher die Essstörung war, kommt sie unter Belastung zurück. Nicht, weil Du schwach bist. Sondern weil Dein System so funktioniert.
Nein. Ein Rückfall ist ein Hinweis. Er zeigt Dir, wo noch Themen liegen, die Du bearbeiten darfst. Recovery verläuft nicht linear. Monika Kühn-Görg hat es so formuliert: „Auch der Fortschritt macht Rückschritte.“ Ein Rückfall bedeutet nicht, dass alles umsonst war. Er bedeutet, dass Dein Heilungsweg noch nicht fertig ist.
Nein. Das Wissen, die Erfahrung und die neuen Wege, die Du Dir erarbeitet hast, sind nicht weg. Sie sind in Dir. Vielleicht verschüttet unter Scham und Selbstzweifel, aber sie sind da. Nach einem Rückfall fängst Du also nicht bei Null an. Du hast ein Fundament, auf das Du zurückgreifen kannst. Es braucht natürlich wieder Zeit, aber dieses Fundament bleibt.
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