Wie häufig sind Essstörungen bei Männern? Die aktuellen Zahlen
Magersucht beim Mann: Symptome und Warnzeichen
Muskelsucht, Bigorexie und Muskeldysmorphie
Warum Männer so lange schweigen
Männer in meiner Selbsthilfegruppe
Wenn Dein Mann, Dein Sohn oder Dein Freund nicht mehr richtig isst
Magersucht bei älteren Männern
Wenn Du an Magersucht denkst, siehst Du vermutlich ein Mädchen oder eine junge Frau vor Dir. So geht es fast allen. Dabei gibt es Magersucht auch beim Mann. Sie ist häufiger, als die meisten glauben. Und sie wird oft erst spät erkannt, weil kaum jemand hinschaut. Der Betroffene will es sich nicht eingestehen, sein Umfeld sieht es nicht und manchmal nicht einmal die Ärztin.
Zwölf Jahre lang haben Magersucht und Bulimie mein Leben bestimmt. Männer mit Essstörungen habe ich trotzdem zum ersten Mal in meiner Selbsthilfegruppe kennengelernt und ich gebe ehrlich zu, dass ich damals überrascht war. Diese Überraschung hat mir gezeigt, wie tief das Vorurteil von der „Frauenkrankheit“ sitzt. Sogar bei Betroffenen selbst.
In diesem Artikel erfährst Du, wie häufig Magersucht bei Männern ist, woran Du sie erkennst, was Muskelsucht damit zu tun hat und warum Männer so lange schweigen. Und Du erfährst, was hilft. Egal, ob Du selbst betroffen bist oder jemanden liebst, der es ist.
- Von 1.000 Männern erkranken 2 an Magersucht. In Deutschland sind das rund 82.000 Betroffene, die kaum jemand sieht.
- Bei vielen Männern steckt hinter der Muskelsucht dieselbe Mechanik wie hinter der Magersucht.
- Männer holen sich später Hilfe, weil die Diagnose an ihrem Bild von Männlichkeit rüttelt. Ein ruhiges Gespräch ohne Vorwürfe öffnet mehr Türen als jeder Druck.
Wie häufig sind Essstörungen bei Männern? Die aktuellen Zahlen
Frag Dich einmal ehrlich, um wen es ging, wenn Du bisher über Essstörungen gelesen oder gesprochen hast. Wahrscheinlich fast immer um Mädchen und Frauen, oder? Dieses Bild sitzt so fest, dass die Zahlen viele überraschen.
Von 1.000 Männern erkranken im Laufe ihres Lebens 2 an Magersucht, von 1.000 Frauen sind es 14. Laut einer aktuellen Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt trifft Magersucht Frauen also etwa siebenmal häufiger.
In Deutschland leben ungefähr 41 Millionen Männer. Rechnest Du mit diesen 2 von 1.000, also 0,2 Prozent, kommst Du auf rund 82.000 magersüchtige Männer. Das ist eine ganze Stadt voller Betroffener, die in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommt. Und diese Zahl erfasst nur die Magersucht. Bulimie und Binge Eating kommen bei Männern sogar häufiger vor als Magersucht. Und andere Arten von Essstörungen kommen noch dazu.
Bei Männern wird die Essstörung oft später erkannt und behandelt. Viele Ärztinnen und Ärzte unterschätzen die ersten Anzeichen, weil sie bei einem Mann schlicht nicht mit einer Essstörung rechnen.
Bei Männern wird die Essstörung zudem leicht übersehen, wenn ihr Gewicht normal wirkt. Der BMI sagt bei ihnen oft wenig aus, obwohl die Krankheit dieselbe ist. Fachleute sprechen dann von atypischer Anorexie. Je früher jemand hinschaut , desto besser stehen nach bisherigen Studien die Chancen auf Genesung. Denn unbehandelt können die Folgen wachsen, von körperlichen Schäden bis hin zu Depressionen. Kennst Du die Folgen Deiner Essstörung?
Magersucht beim Mann: Symptome und Warnzeichen
Die Symptome einer Magersucht, auch Anorexie genannt, sind bei Männern und Frauen sehr ähnlich. Ein starker Gewichtsverlust oder anhaltendes Untergewicht gehören oft dazu, ebenso eine verzerrte Körperwahrnehmung. Der Betroffene sieht sich als zu dick, egal was die Waage zeigt.
Aus meiner Erfahrung zeigt sich die Veränderung zuerst im Gesicht. Es wirkt schmaler als früher, blasser, müder und das fällt dem Umfeld meist eher auf als die Zahl auf der Waage. Dazu kommen körperliche Anzeichen wie ständige Müdigkeit und Schwäche, dünner werdendes Haar oder ein verlangsamter oder unregelmäßiger Herzschlag.
Genauso wichtig sind die Verhaltensmuster. Mahlzeiten werden vermieden oder verschoben und das Essen wird streng kontrolliert und mit Regeln versehen. Viele Betroffene entwickeln Rituale, essen auffällig langsam, schneiden alles klein oder halten sich an feste Zeitpläne. Die Gedanken kreisen ständig ums Essen und den eigenen Körper. Häufig kommt exzessive Bewegung dazu.
Entscheidend ist, wie diese Symptome gelesen werden. Wenn ein Mann viel Sport treibt und wenig isst, gilt das schnell als diszipliniert, ähnlich wie bei Frauen. Wenn er auf Muskeln und Definition achtet, wirkt das erst einmal gesund. Genau dieser Fokus auf Muskulatur ist bei Männern typisch und verdeckt die Essstörung oft lange.
Wenn Du Dich in diesen Mustern wiedererkennst oder sie bei jemandem beobachtest, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf das gestörte Essverhalten. Niemand rutscht plötzlich in eine Magersucht. Es beginnt schleichend und genau deshalb wird es so lange übersehen.
Muskelsucht, Bigorexie und Muskeldysmorphie
Junge Männer haben oft das Gefühl, nie muskulös genug zu sein. Wird aus diesem Gefühl eine Besessenheit, sprechen Fachleute von Muskeldysmorphie. Im Alltag heißt es meist Muskelsucht, in der Fitness-Szene auch Bigorexie. Wissenschaftler sind sich bis heute uneinig, ob sie zu den Essstörungen oder zu den Zwangsstörungen gehört.
Betroffene Männer sind besessen von einem definierten und muskulösen Körper. Sie trainieren übermäßig und halten strenge Ernährungspläne ein, weil der Körper nie definiert genug ist. Verletzungen oder körperliche Beschwerden halten sie nicht davon ab, weiterzumachen. Manche greifen sogar zu Mitteln, die das Muskelwachstum steigern sollen.
Auf den ersten Blick wirkt Muskelsucht wie das Gegenteil von Magersucht. Der eine will breiter werden und der andere dünner. Doch dahinter steckt dieselbe Mechanik. Der Blick in den Spiegel ist verzerrt. Der eine sieht sich dort als zu schmal und der andere als zu dick. In beiden Fällen wird das Essen kontrolliert, der Körper bekämpft und der Bewegungsdrang bestimmt den Tag. Nur das Ziel sieht anders aus.
Social Media verstärkt das durch unrealistische Körperbilder im Feed. Diese Bilder setzen einen Maßstab, den kaum jemand erreicht und fördern Perfektionismus und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Dass soziale Medien das Körperbild beeinflussen, gilt für Frauen und Männer gleichermaßen. Für einen Mann, der ohnehin mit seinem Körper hadert, wird der Feed schnell zum täglichen Beweis, dass er nicht genügt.
Warum Männer so lange schweigen
Viele betroffene Frauen brauchen Jahre, bis sie sich jemandem anvertrauen. Ich weiß, wie viel Scham in diesem Schweigen steckt, denn ich habe selbst lange geschwiegen. Wenn mich jemand gefragt hat, wie es mir geht, habe ich „gut“ gesagt. Wenn mein Freund gefragt hat, was los ist, habe ich „nichts“ gesagt. Ich habe jahrelang alles mit mir allein ausgemacht. Für Männer kommt eine weitere Hürde dazu. Zu all den Vorurteilen, mit denen Frauen ohnehin kämpfen, kommt das Bild, dass Essstörungen eine „Frauenkrankheit“ sind.
Ein Mann, der wenig isst und ständig trainiert, bekommt Anerkennung. Ein Mann, der sagt, dass er eine Essstörung hat, rüttelt an dem Bild, das andere von Männlichkeit haben. Und oft auch an seinem eigenen. Die Diagnose fühlt sich für viele an, als würde sie ihnen etwas von ihrem Mannsein nehmen. Mir haben schon öfter Männer geschrieben und ich glaube, der Gedanke dahinter ist fast immer derselbe: „Das haben doch nur Frauen. Bin ich jetzt irgendwie falsch?“ Dieser Kampf raubt enorm viel Energie. Also schweigen sie, weil das Reden mehr zu kosten scheint als das Aushalten.
Viele Betroffene suchen keine Hilfe, weil sie sich schämen, weil sie Angst vor dem Urteil der anderen haben oder weil sie selbst nicht erkennen, dass sie krank sind. Bei Männern wirken diese Gründe noch stärker.
Dazu kommt, dass Männer oft zu hören bekommen, ihre Probleme seien nicht so ernst. Der Arzt denkt nicht an eine Essstörung und die Familie lobt die Disziplin. So vergehen Jahre, in denen weder der Betroffene noch sein Umfeld das Wort ausspricht.
Männer in meiner Selbsthilfegruppe
Meine erste Begegnung mit Männern und Essstörungen hatte ich in einer Selbsthilfegruppe. Ich war damals bei den OA, den Overeaters Anonymous und dort saßen Männer, die von ihrer Essstörung erzählten.
Ich gebe ehrlich zu, dass ich im ersten Moment überrascht war. Ein Mann? Mit einer Essstörung? Im Rückblick hat mir genau diese Reaktion gezeigt, wie tief die gesellschaftliche Prägung auch in mir saß. Ich hatte das Bild verinnerlicht, dass Essstörungen etwas sind, das Frauen betrifft. Ich, die selbst mittendrin steckte.
Ich war froh, dass diese Männer da waren. Man hat es ihnen nicht angesehen, dass sie Probleme mit dem Essen hatten. Und ich dachte nur, krass, die haben genau dieselben Gedanken wie ich. Ich hatte auf einmal Handynummern von Menschen, die gesagt haben: „Wenn irgendwas ist, melde dich.“ Dieses „nicht allein sein“ hat mich damals sehr beruhigt. Es hat mir gezeigt, dass eine Essstörung menschlich ist und dass ich mich dafür nicht schämen muss.
Dieses Gefühl ist bis heute geblieben. Und was ich in dieser Gruppe gelernt habe, gilt für jeden, der das hier liest.
Wenn Dein Mann, Dein Sohn oder Dein Freund nicht mehr richtig isst
Vielleicht liest Du diesen Artikel gar nicht für Dich selbst. Vielleicht beobachtest Du seit Monaten, wie jemand, den Du liebst, immer weniger oder immer strenger isst, immer mehr trainiert und jedes Gespräch darüber abblockt. Vielleicht hast Du den Gedanken „Mein Mann hat eine Essstörung“ schon einmal zugelassen und gleich wieder weggeschoben. Dann trägst Du eine Sorge, über die kaum jemand spricht.
Ein Mann wird das Wort „Essstörung“ wahrscheinlich länger vermeiden als eine Frau. Warum, hast Du weiter oben gelesen. Nimm seine Abwehr deshalb nicht persönlich. Sie gehört zur Krankheit.
Was hilft, ist ein ruhiges Gespräch ohne Vorwürfe. Sag ihm, was Du beobachtest und dass Du Dir Sorgen machst, statt über sein Gewicht oder sein Essen zu diskutieren. Sätze über seinen Körper, auch gut gemeinte, treffen meist die falsche Stelle. „Jetzt iss doch mal mehr“ ist so ein Satz. Nett gemeint, weil die Familie sich Sorgen macht, aber er bringt einen raus und verunsichert. Druck am Esstisch verstärkt die Kontrolle nur. Was er braucht, ist das Gefühl, dass er ernst genommen wird und dass die Tür offen bleibt, auch wenn er heute noch Nein sagt. Mein Freund hat mich damals zum ersten Treffen der Selbsthilfegruppe gebracht. Ich weiß nicht, ob ich allein hingegangen wäre. Angehörige können mit etwas Anleitung ruhiger und mit weniger Kritik reagieren . Mehr dazu findest Du in meinem Artikel zum Umgang mit Betroffenen.
Magersucht bei älteren Männern
Magersucht ist keine Krankheit der Jugend. Auch erwachsene und ältere Männer sind betroffen. Im Alter kann ein Gewichtsverlust leicht mit einer Alterserscheinung verwechselt werden. Wenn Dein Vater oder Dein Partner im höheren Alter deutlich abnimmt, Mahlzeiten auslässt und das Thema abwehrt, dann lass es ärztlich abklären. Hinter einem Gewichtsverlust im Alter kann vieles stecken und eine Essstörung gehört dazu.
Was Betroffenen hilft
Es gibt keine eigene Behandlung für Männer. Die Wege sind dieselben wie bei Frauen. Eine ambulante Therapie, ein Aufenthalt in einer Klinik, ein Coaching oder eine Selbsthilfegruppe. Welcher Weg passt, ist bei jedem anders und keiner davon ist der einzig richtige.
Was Männern oft fehlt, ist ein geschützter Raum. Ein Ort, an dem sie nicht der einzige Mann sind und niemand überrascht guckt, wenn sie erzählen. Gruppen oder Angebote nur für Männer könnten diese Hürde senken. Wie viel so ein Raum bewirkt, habe ich selbst erlebt. In meiner Selbsthilfegruppe saßen Menschen, die dasselbe kannten und niemand musste erklären, warum er da war.
Für mich war der schlimmste Teil, es meinem Freund zu sagen. Es hat mich enorm viel Kraft gekostet. Und dann hat er so einfühlsam reagiert wie kein Mensch zuvor. Er hat gesagt: „Okay, dann schauen wir jetzt gemeinsam, wie Du das wieder schaffst.“
Am wichtigsten ist, einmal auszusprechen, was los ist, auch ohne fertigen Plan. Bei jemandem, dem Du vertraust, bei einer Beratungsstelle oder bei einem Arzt. Je früher das passiert, desto leichter wird der Weg. Das gilt für jeden, der eine Essstörung hat. Das gilt für Dich, selbst wenn Du gerade denkst, bei Dir sei es nicht so schlimm.
Essstörungen haben kein Geschlecht
Magersucht beim Mann ist eine Krankheit, die still verläuft, weil niemand hinschaut. Drei Dinge darfst Du aus diesem Artikel mitnehmen:
- Essstörungen haben kein Geschlecht.
- Je früher jemand hinschaut, desto leichter wird der Weg zurück.
- Sich Hilfe zu holen, ist Stärke.
Ich habe einen Wunsch. Bei Essstörungen soll niemand mehr einen Unterschied zwischen Frauen und Männern machen. Niemand sollte sich oder seine Krankheit verstecken müssen. Jeder Mensch hat das Recht auf Hilfe.
Wenn Du Dich in diesem Artikel wiedererkannt hast und bereit bist, an Deiner Essstörung zu arbeiten, dann melde Dich bei mir. Ich bin diesen Weg selbst gegangen und weiß, dass er möglich ist. Wenn Du Dir Sorgen um jemanden machst, dann gib ihm diesen Artikel. Und wenn er bereit ist, darf er sich melden.
Alles Liebe, Deine Janina
„Die Schwierigkeit liegt nicht in den neuen Ideen, sondern darin, den alten zu entkommen.“
John Maynard Keynes
Häufig gestellte Fragen zu Magersucht beim Mann
Ja. Von 1.000 Männern erkranken im Laufe ihres Lebens etwa 2 an Magersucht. Auf Deutschland gerechnet sind das rund 82.000 Männer. Die Krankheit ist bei ihnen genauso ernst wie bei Frauen, sie wird nur seltener erkannt, weil kaum jemand bei einem Mann an eine Essstörung denkt.
Wenn das Essen und der Körper den Alltag bestimmen, ist das ein Warnsignal, unabhängig vom Gewicht. Typisch sind ein Essverhalten mit vielen Regeln und Ritualen, ständige Erschöpfung, ein schmaler und müder wirkendes Gesicht sowie exzessiver Sport mit starkem Fokus auf Muskeln. Weil diese Muster oft als Disziplin gelobt werden, bleiben sie lange unentdeckt.
Es gibt nicht den einen Grund. Meist ist es eine Kombination aus genetischen, familiären und persönlichen Faktoren. Dazu zählen Schönheitsideale, Trennungen oder Gewalterfahrungen in der Familie, ein geringes Selbstwertgefühl oder traumatische Erlebnisse. Bei Männern spielt zusätzlich der Druck eine Rolle, einen muskulösen und definierten Körper zu haben. Was die Ursache auch war, es bleibt eine Krankheit.
Muskelsucht, in der Fitness-Szene auch Bigorexie genannt, heißt in der Fachsprache Muskeldysmorphie. Betroffene Männer fühlen sich nie muskulös genug, trainieren übermäßig und halten strenge Ernährungspläne ein. Ob sie zu den Essstörungen oder zu den Zwangsstörungen zählt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Muskelsucht tritt bei Männern häufig gemeinsam mit einer Essstörung auf.
In den Symptomen kaum. Der Unterschied liegt im Umfeld. An Magersucht erkranken Frauen etwa siebenmal häufiger. Weil kaum jemand bei einem Mann an eine Essstörung denkt, wird bei Männern später hingeschaut und die Behandlung beginnt später. Männer haben zudem eine höhere Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, weil eine Essstörung als „Frauenkrankheit“ gilt und die Diagnose an ihrem Bild von Männlichkeit rüttelt. Bei Männern zeigt sich die Krankheit außerdem öfter über den Wunsch nach Muskeln als über den Wunsch, dünn zu sein.
Such ein ruhiges Gespräch ohne Vorwürfe. Sag ihm, was Du beobachtest und dass Du Dir Sorgen machst, statt über Gewicht oder Essen zu diskutieren. Vermeide Druck beim Essen und Kommentare zu seinem Körper. Bleib an seiner Seite, auch wenn er das Thema erst einmal abwehrt. Mehr dazu findest Du in meinem Artikel zum Umgang mit Betroffenen.
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