Was sind Fear Foods? Die wissenschaftliche und persönliche Perspektive
Die Wissenschaft dahinter: Was die Forschung über Fear Foods weiß
Mehr als nur „nicht mögen“: Der Unterschied zwischen Abneigung und echter Angst
Meine eigene Fear Food Geschichte: Die Käse-Lüge
Die häufigsten Fear Foods bei Essstörungen
Fear Foods und der Zusammenhang mit Makronährstoffen
Safe Foods als Gegenpol: Wenn nur noch wenige Lebensmittel „erlaubt“ sind
Das Schwarz-Weiß-Denken: Wie Essstörungen Deine Wahrnehmung verzerren
Warum entstehen Fear Foods? Die tieferen Ursachen verstehen
Der Einfluss von Diätkultur und gesellschaftlichen Schönheitsidealen
Essstörungen als Nährboden: Magersucht, Bulimie, Binge Eating und Orthorexie
Die Rolle von Perfektionismus und rigiden Regeln
Wie Dein Gehirn Dich austrickst
Die biologischen und psychologischen Mechanismen
Was passiert in Deinem Gehirn, wenn Du vor einem Fear Food stehst?
Der Teufelskreis: Wie Vermeidung die Angst verstärkt
Die Verbindung zwischen Fear Foods und Rückfällen
Wann Du professionelle Hilfe brauchst
Warnsignale, die Du ernst nehmen solltest
Zuletzt aktualisiert am:26.11.2025
Erstmals veröffentlicht: 07.03.2022
Fühlst Du Dich gefangen in einem Kreislauf aus Angst und Kontrolle rund ums Essen?
Die Angst vor bestimmten Lebensmitteln ist ein Kernsymptom von Essstörungen. Wenn Dein Herz beginnt zu rasen. Deine Hände zittern. In Deinem Kopf überschlagen sich die Gedanken: „Wenn ich das esse, nehme ich sofort zu.“ „Ich werde die Kontrolle verlieren.“ „Ich kann nicht aufhören, wenn ich einmal anfange.“
Das passiert typischerweise, wenn Du vor einer Pizza sitzt, die eigentlich Freude bereiten sollte. Aber statt Vorfreude spürst Du nur Panik. So, dass Du denkst: Ich würde lieber verhungern, als das zu essen.
Ich kenne dieses Gefühl. Ich kenne es aus über 12 Jahren mit Magersucht und Bulimie. Und ich weiß, dass Du Dich gerade vielleicht sehr allein fühlst mit dieser Angst.
Aber Du bist nicht allein. Du bist nicht verrückt. Und Du bist nicht schwach.
Das, was Du erlebst, ist die Angst vor einem Lebensmittel, also einem Fear Food. Das ist eines der häufigsten Symptome von Essstörungen.
Was Dich in diesem Artikel erwartet
Nach 12 Jahren mit Magersucht und Bulimie weiß ich, dass Fear Foods mehr sind als „Lebensmittel, die man nicht mag“.
In diesem Artikel verbinde ich wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem, was wirklich hilft. Zum einen aus eigener Erfahrung und zum anderen aus unzähligen Gesprächen mit Frauen, die genau diese Ängste kennen.
Du wirst verstehen, warum Dein Körper und Geist so reagieren. Warum das nichts mit mangelnder Willenskraft zu tun hat. Und warum Du definitiv nicht verrückt bist, wenn Du vor einem Stück Pizza Panik hast.
Dieser Artikel gibt Dir fundiertes Wissen und praktische Orientierung. Professionelle Begleitung kann Deinen Weg erheblich erleichtern. Du musst schauen, was zu Dir passt, ob therapeutisch oder durch spezialisiertes Coaching. Ich selbst habe meinen Weg außerhalb einer Klinik gefunden und begleite heute andere Frauen auf ihrem individuellen Pfad.
- Fear Foods sind wissenschaftlich dokumentierte Symptome von Essstörungen: Fast alle Betroffenen haben sie. Also, Du bist nicht allein mit Deiner Angst
- Sie entstehen durch Angst vor Kontrollverlust und Gewichtszunahme, nicht durch Geschmack
- Vermeidung macht die Angst größer, nicht kleiner
- Überwindung ist möglich, braucht aber Zeit und oft professionelle Begleitung
→ Möchtest Du lernen, wie Du diese Angst überwinden kannst?
Hier zeige ich Dir 3 sichere Methoden→ Du hast es bereits probiert? Hast jedoch Panik oder Rückschläge erlitten?
Hier ist Dein NotfallplanWas sind Fear Foods? Die wissenschaftliche und persönliche Perspektive
Fear Food bedeutet auf Deutsch „Angst-Lebensmittel“. Und das trifft es ziemlich genau auf den Punkt.
Ein „Fear Food“ ist ein Lebensmittel, das bei Dir Angst auslöst. Nicht Abneigung. Nicht „mag ich nicht“. Sondern echte, körperliche Angst.
Es kann ein einzelnes Lebensmittel sein, wie Pizza oder Nutella. Es können mehrere sein. Oder sogar eine ganze Makronährstoffgruppe, wie Fette oder Kohlenhydrate.
Bei gestörtem Essverhalten, Magersucht, Orthorexie oder Bulimie haben Betroffene sehr häufig Fear Foods. Oft wird dabei zwischen „guten“ und „schlechten“ Lebensmitteln unterschieden. Die „schlechten“ landen auf einer Art verbotenen Liste.
Die Wissenschaft dahinter: Was die Forschung über Fear Foods weiß
Levinson et al. (2022) zeigten, dass die Angst vor Gewichtszunahme die am häufigsten genannte Angst war, gefolgt von Angst vor Lebensmitteln und Angst vor Bewertung. Bei Magersucht (AN) war die Angst vor Lebensmitteln am stärksten ausgeprägt, bei atypischer AN und Bulimie die Angst vor Gewichtszunahme.
Zudem zeigen Studien, dass Fear Foods bei Essstörungen sehr häufig vorkommen. Eine Studie zeigte, dass bis zu 80 % der Personen mit Essstörungen erhöhte Angstwerte aufweisen, wobei viel dieser Angst auf Essen, Nahrungsaufnahme und Körperbild fokussiert ist. Fear Foods zeigen sich transdiagnostisch über alle Essstörungstypen hinweg.
Beachtenswert ist jedoch, dass Fear Foods nicht nur ein „psychologisches Problem“ sind, sondern ein ernstes Symptom, das die Essstörung aufrechterhält. Die Forschung zeigt, dass Menschen mit Fear Foods eher Rückfälle haben. Denn Fear Foods sagen den „Drive for Thinness“ (starker Drang, dünn zu sein und zu bleiben) voraus. Dieser ist ein Kernsymptom von Essstörungen. Daher sollte unbedingt auch an den Ängsten vor Lebensmitteln gearbeitet werden.
Mehr als nur „nicht mögen“: Der Unterschied zwischen Abneigung und echter Angst
Es ist wichtig zu verstehen: Ein Fear Food ist etwas anderes als ein Lebensmittel, das Du einfach nicht magst.
Hier ist der Unterschied:
Bei einem Fear Food geht es nicht darum, dass Dir etwas nicht schmeckt. Es geht um die Angst davor, was passiert, wenn Du es isst.
Die körperlichen Symptome können sein:
- Herzrasen
- Schwitzen
- Zittern
- Übelkeit
- Panikattacken
- Das Gefühl, zu sterben oder die Kontrolle zu verlieren
Das ist keine Übertreibung. Das ist real. Und wenn Du das erlebst, dann weißt Du, dass es mehr ist als nur „nicht mögen“.
Meine eigene Fear Food Geschichte: Die Käse-Lüge
Ich muss Dir von meiner Käse-Geschichte erzählen. Denn sie hat mir gezeigt, wie raffiniert meine Essstörung war und wie sehr ich mich selbst belogen habe.
Jahrelang sagte ich zu allen: „Ich mag keinen Käse.“
Das klang vernünftig. Das klang nach Geschmack. Niemand stellte Fragen. Niemand fand es seltsam.
Aber in Wahrheit? Ich hatte Panik vor Käse.
Käse war für mich das Symbol für „viel Fett, viele Kalorien, schlecht, verboten“. Allein das Wort löste Stress in mir aus. Die Vorstellung, Käse zu essen, war unerträglich.
Aber das konnte ich nicht zugeben. Nicht mal mir selbst. Also erzählte ich mir die Geschichte: „Ich mag es einfach nicht.“
Und mein Gehirn? Das glaubte mir. Weil es in mein Schwarz-Weiß-Denken passte. Lebensmittel mit vielen Kalorien sind schlecht. Käse hat viele Kalorien. Also ist Käse schlecht. Also mag ich ihn nicht.
Irgendwann, auf Drängen meines Freundes, probierte ich Käse auf einem Auflauf.
Und weißt Du, was ich feststellte? Ich mochte knusprigen, überbackenen Käse.
Dann probierte ich nach und nach verschiedene Sorten. Mozzarella auf Pizza. Parmesan auf Nudeln. Camembert auf Brot.
Und ich stellte fest, dass ich manche Käsesorten mag. Andere, wie Parmesan zum Beispiel, nicht.
Die Welt war nicht schwarz oder weiß. Sie war voller Grautöne.
Heute bin ich immer noch kein großer Käsefan. Aber nicht aus dem Aspekt heraus, dass ich Angst davor habe, zuzunehmen. Der entscheidende Punkt ist, dass ich Käse, den ich mag, auch essen kann, ohne Panik zu bekommen. Und das ist Freiheit.
Meine Fear Food Liste
Das waren meine Fear Foods während meiner Essstörung:
Süßigkeiten & Snacks:
- Chips
- Schokolade
- Lebkuchen
- Eis
- Gummibärchen
Backwaren:
- Brot
- Brötchen
- Kuchen
- Torte
- Baguette
- Knoblauchbaguette
Hauptgerichte:
- Pizza
- Pommes
- Burger
- Flammkuchen
- Nudeln
- Kartoffeln
- Aufläufe
- Reis
- Milchreis
Fette & Aufstriche:
- Nutella
- Sahne
- Butter
- Nüsse
- Nussmus
- Avocado
- Öl
Saucen:
- Ketchup
- Dressing
- Mayonnaise
Fleisch & tierische Produkte:
- Fleisch (in der Magersucht aß ich nur Gemüse und Obst)
- Speck
- Bacon
- Eigelb
Sonstiges:
- Panade
- Banane
- Käse
Diese Liste ist nicht abschließend. Aber sie gibt Dir einen guten Überblick darüber, wie umfassend meine Ängste waren.
Allerdings gab es bei mir auch zwei „Safe Foods“. Also Lebensmittel, die ich mir nie verboten habe, obwohl sie vielleicht bei anderen auf der verbotenen Liste stehen würden. Das waren einmal Brezeln und Apfelpfannkuchen.
Ich weiß gar nicht mehr genau, warum. Aber es zeigt auch, dass sehr individuell sein kann, was für Dich persönlich in Ordnung ist und was Dir Angst macht.
Die häufigsten Fear Foods bei Essstörungen
Klinische Forschungen bestätigen meine eigene Erfahrung und die Erfahrungen anderer Betroffener, mit denen ich gesprochen habe. Die häufigsten Fear Foods sind:
– Kohlenhydratreiche Lebensmittel (Brot, Pizza, Pasta, Bagels)
– Desserts (Eiscreme, Kekse, Kuchen, Schokolade)
– Frittierte Lebensmittel (Pommes, Chips, Fast Food)
– Fettreiche Produkte (Käse, Butter, Avocado, Öle)
– Zuckerhaltige Lebensmittel
Diese Kategorisierung ist kein Zufall. Warum gerade diese Lebensmittel? Das erkläre ich im nächsten Absatz.
Fear Foods und der Zusammenhang mit Makronährstoffen
Die meisten Fear Foods haben also eines gemeinsam. Zum einen sind sie kalorienreich und zum anderen enthalten sie Kohlenhydrate und Fette. Oft auch beides.
Warum? Weil die Diätkultur genau diese Makronährstoffe seit Jahrzehnten verteufelt.
„Fett macht fett.“ „Kohlenhydrate sind böse.“ „Zucker ist Gift.“
Diese Botschaften sind überall. In Zeitschriften und Social Media. Aber auch in Gesprächen mit Freunden.
Selbst Studien zeigen, dass Diätkultur und Medien Fear Foods verstärken durch:
- Dämonisierung bestimmter Lebensmittel als „schlecht“ oder „verboten“,
- Förderung unrealistischer Körperideale,
- Social-Media-Vergleiche, die Körperunzufriedenheit verstärken.
Safe Foods als Gegenpol: Wenn nur noch wenige Lebensmittel „erlaubt“ sind
Während Fear Foods die verbotenen Lebensmittel sind, sind Safe Foods das Gegenteil. Die „sicheren“ Lebensmittel.
Safe Foods sind Lebensmittel, die Du ohne Angst essen kannst. Meistens sind das kalorienarme Lebensmittel wie:
- Gemüse
- Obst
- Reiswaffeln
- Magerquark
- Salat
Oft gibt es jedoch auch ein paar Lebensmittel auf der Safe-Food-Liste, die theoretisch auf der Fear-Food-Liste stehen sollten. Meine Safe Foods waren Brezel und Apfelpfannkuchen. Warum genau diese? Ich weiß es nicht mehr. Aber sie fühlten sich sicher an.
Das Schwarz-Weiß-Denken: Wie Essstörungen Deine Wahrnehmung verzerren
Bei Essstörungen gibt es keine Grautöne. Meistens nur schwarz oder weiß. Gut oder schlecht. Erlaubt oder verboten. Ein Lebensmittel ist entweder „safe“ oder es ist ein Fear Food. Dazwischen gibt es oft nichts.
Dieses Denken hat mich jahrelang gefangen gehalten. Käse war böse. Punkt. Keine Diskussion. Keine Abstufungen. Aber in der Realität ist die Welt nicht schwarz oder weiß. Es gibt nicht „den einen Käse“. Es gibt Hunderte Sorten. Manche mag ich. Manche nicht. Einige esse ich gerne auf Pizza. Andere nicht.
Je mehr Du Dich von diesem Schwarz-Weiß-Denken verabschiedest, desto mehr Grautöne wirst Du erkennen. Und desto vielfältiger und genussvoller wird Dein Leben.
Das ist übrigens auch, wo Achtsamkeit so wichtig wird. Wenn Du nicht achtsam bist, trickst Du Dich selbst aus. Dein Gehirn präsentiert Dir eine Welt, die in Deine Überzeugungen passt, und nicht nicht die Welt, wie sie wirklich ist.
Ist Dir übrigens das doppelte „nicht“ in dem Satz zuvor aufgefallen?Nein? Genau das meine ich.
Wenn Du nicht achtsam bist, trickst Du Dich selbst aus. Dein Gehirn blendet Informationen aus. Es ist sehr schnell passiert, dass Du falsche Überzeugungen entwickelst, wenn Du unachtsam durchs Leben gehst.
Warum entstehen Fear Foods? Die tieferen Ursachen verstehen
Wenn Du Dich fragst: „Warum habe ich so viel Angst vor einem Stück Pizza?“, dann ist die Antwort nicht: „Weil Pizza ungesund ist.“
Die Antwort ist: Weil Du Angst vor dem hast, was nach der Pizza passieren könnte.
Die Kern-Ängste hinter Fear Foods:
- Angst vor Gewichtszunahme: „Wenn ich das esse, nehme ich sofort 2 kg zu.“
- Angst vor Kontrollverlust: „Wenn ich einmal anfange, kann ich nicht mehr aufhören.“
- Angst vor einem Essanfall: „Das wird einen Essanfall auslösen.“
- Angst vor „Unreinheit“ oder „Ungesundheit“: „Das vergiftet meinen Körper.“
Dies fand auch Butler et al. (2023) in Expositionsskripten heraus.
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich wirklich glaubte, ich würde durch ein Stück Pizza sofort 2 kg zunehmen. Das klingt irrational. Das ist irrational. Aber in meinem Kopf war es die absolute Wahrheit.
Der Einfluss von Diätkultur und gesellschaftlichen Schönheitsidealen
Fear Foods entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie entstehen in einer Gesellschaft, die bestimmte Körper als „gut“ und andere als „schlecht“ bewertet. In einer Kultur, die ständig von „Clean Eating“, „Superfoods“ und „Cheat Days“ spricht.
Social Media verstärkt diese Botschaften. Überall siehst Du:
- „What I eat in a day“ (nur mit kalorienarmen Lebensmitteln)
- „Clean Eating Challenges“
- Vorher-Nachher-Bilder mit dem impliziten Versprechen: „Dünn = glücklich“
Diese Kultur sagt Dir, dass bestimmte Lebensmittel „gut“und andere „böse“ sind. Und wenn Du die „Bösen“ isst, bist auch Du quasi auch böse.
Ein systematischer Review zeigte, dass Medienkonsum mit erhöhter Körperunzufriedenheit und gestörtem Essverhalten assoziiert ist.
Das heißt, für Menschen mit Essstörungen wird diese Botschaft zur absoluten Wahrheit. Die Angst vor Kalorien wird zur Angst vor bestimmten Lebensmitteln. Je mehr Kalorien ein Lebensmittel hat, desto größer ist die Angst davor. Das ist die fatale Logik der Essstörung.
Den Einfluss von Diätkultur durch Social Media zeigen auch Studien ganz klar. Zum Beispiel haben Menschen, die Social Media mehr als 3 Stunden am Tag nutzen, ein doppelt so hohes Risiko, an einer Essstörung zu erkranken.
Außerdem fördern Fitness-Influencer und „Clean Eating“-Accounts oft restriktives Essverhalten und Orthorexie.
Essstörungen als Nährboden: Magersucht, Bulimie, Binge Eating und Orthorexie
Fear Foods treten bei verschiedenen Essstörungen auf, aber auf unterschiedliche Weise:
Magersucht (Anorexia nervosa):
- Extreme Kalorienvermeidung
- Fear Foods: Fast alles außer kalorienarmen Lebensmitteln
- Die Angst: Gewichtszunahme
- Beispiel: In meiner Magersucht aß ich eigentlich nur Gemüse und Obst
Bulimie:
- Angst vor „Trigger-Foods“ für Essanfälle
- Fear Foods: Lebensmittel, die zu Essanfällen führen könnten
- Die Angst: Kontrollverlust
- Nach dem Essen: Erbrechen, Sport, Abführmittel
Binge Eating:
- Angst vor den Lebensmitteln, die in Essanfällen gegessen werden
- Fear Foods: Süßigkeiten, Chips, Fast Food
- Die Angst: Der nächste Essanfall
- Kein Kompensationsverhalten wie bei Bulimie
Orthorexie:
- Zwanghafte Fixierung auf „gesunde“ Ernährung
- Fear Foods: alles, was als „ungesund“ gilt
- Die Angst, den Körper zu „vergiften“
- Beispiel: Angst vor Konservierungsstoffen, Zucker, verarbeiteten Lebensmitteln
Diese unterschiedlichen Muster konnten auch Levinson et al. (2022) zeigen.
Die Rolle von Perfektionismus und rigiden Regeln
Perfektionismus ist ein häufiger Risikofaktor für Essstörungen. Meta-Analysen zeigen einen sehr starken Zusammenhang zwischen Perfektionismus und Essstörungen. Perfektionismus ist bei allen Essstörungsdiagnosen deutlich erhöht im Vergleich zu gesunden Menschen und gilt als Risiko- und Aufrechterhaltungsfaktor. Besonders stark ist sie bei Anorexie und Bulimie.
Wenn Du perfektionistisch bist, dann neigst Du dazu, Regeln aufzustellen. Strikte Regeln. Für alles. Diese Regeln geben Dir das Gefühl von Kontrolle. Von Sicherheit.
„Ich esse nur bis 18 Uhr.“ „Ich esse nur Lebensmittel unter 100 Kalorien.“ „Ich esse nie Zucker.“ Am Anfang fühlt sich das gut an. Du hast Struktur. Du hast Kontrolle.
Weitere Regeln, die typisch sind:
„Ich darf erst essen, wenn ich alles erledigt habe.“
„Ich darf erst ab mittags essen.“
„Ich esse nur zu geraden Uhrzeiten.“
„Ich esse nur gesunde Lebensmittel.“
„Ich darf nicht mehr essen als mein Partner.“
„Wenn ich auswärts essen gehe, darf ich vorher nichts essen.“
„Bevor ich ein Fear Food esse, muss ich mich vorher bewegen.“
Aber dann werden die Regeln zur Falle. Sie werden immer enger. Die Safe Foods werden weniger. Die Fear Foods werden mehr.
Und irgendwann sitzt Du in einem Käfig aus Regeln, aus dem Du nicht mehr herauskommst.
Wie Dein Gehirn Dich austrickst
Lass mich Dir etwas über Dein Gehirn erzählen. Dein Gehirn will, dass Du recht hast.
Wenn Du glaubst, dass Käse schlecht ist, dann wird Dein Gehirn Beweise dafür finden. Es wird die Kalorien sehen. Die Fettmenge. Die „Ungesundheit“.
Es wird alles ausblenden, was dem widerspricht. Die Proteine. Das Calcium. Die Tatsache, dass Menschen seit Jahrtausenden Käse essen und überleben.
Das ist der Confirmation Bias, ein gut erforschtes psychologisches Phänomen, das bei Essstörungen besonders stark wirkt.
Du nimmst die Welt nicht so wahr, wie sie ist. Du nimmst sie so wahr, wie Du bist.
Ich erzählte mir jahrelang: „Ich mag keinen Käse.“ Und mein Gehirn glaubte mir. Es präsentierte mir eine Welt, in der diese Geschichte Sinn ergab.
Erst als ich anfing, achtsam zu sein. Als ich wirklich hinschaute und zu hinterfragen begann, erkannte ich die Lüge.
Das ist, warum Achtsamkeit so wichtig ist. Du musst lernen, Deine eigenen Geschichten zu entlarven.
Die biologischen und psychologischen Mechanismen
Was passiert in Deinem Gehirn, wenn Du vor einem Fear Food stehst?
Wenn Du vor einem Fear Food sitzt, behandelt Dein Gehirn es wie eine Bedrohung. Also so, als ob ein wilder Bär auf Dich zurennt.
Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Deine Amygdala, der Alarmknopf in Deinem Gehirn, anschlägt. Bei Menschen mit Essstörungen reagiert sie besonders stark auf kalorienreiche Lebensmittel.
Sie aktiviert Deine „Fight-or-Flight“-Reaktion. Das bedeutet:
- Dein Herz rast
- Dein Atem wird schneller
- Deine Muskeln spannen sich an
- Dein Körper schüttet Stresshormone aus
- Du bist bereit zu kämpfen oder zu fliehen
Das ist die gleiche Reaktion, die Du hättest, wenn ein Bär auf Dich zurennen würde. Nur dass es kein Bär ist. Es ist Pizza. Aber Dein Gehirn hat gelernt: Pizza = Gefahr. Und es reagiert entsprechend.
Der Teufelskreis: Wie Vermeidung die Angst verstärkt
Hier ist das Paradoxe: Der effektivste Weg, um Ängste größer werden zu lassen, ist, sie zu vermeiden. Psychologische Forschung zeigt klar: Vermeidung verstärkt Angst. Du lernst nie, dass die gefürchteten Konsequenzen nicht eintreten.
So funktioniert der Teufelskreis:
- Du hast Angst vor Pizza
- Du vermeidest Pizza
- Kurzfristig fühlst Du Erleichterung („Puh, ich musste sie nicht essen“)
- Dein Gehirn lernt: „Vermeidung = Sicherheit“
- Die Angst vor Pizza wird GRÖSSER (weil Du nie die Erfahrung machst, dass nichts Schlimmes passiert)
- Beim nächsten Mal ist die Angst noch stärker
Visuell sieht das so aus:
Der Teufelskreis der Angst
💡 Der einzige Ausweg: Den Kreislauf durchbrechen durch Konfrontation
Je länger Du Pizza meidest, desto größer wird die Pizza in Deinem Kopf. Sie wird zum Monster. Zum Endgegner. Zum absoluten Albtraum.
Und genau deshalb ist Vermeidung keine Lösung. Sie ist Teil des Problems.
Die Verbindung zwischen Fear Foods und Rückfällen
Die Forschung zeigt eindeutig, dass Fear Foods nicht nur ein Symptom der Essstörung sind. Sie halten die Essstörung auch aufrecht.
Studien belegen, dass Fear Foods den Drang nach Dünnsein vorhersagen und damit das Rückfallrisiko erhöhen. Menschen, die nach der Behandlung weiterhin viele Lebensmittel meiden, haben ein deutlich höheres Risiko, zurückzufallen.
Solange Du Fear Foods hast, solange Du bestimmte Lebensmittel meidest, bist Du nicht wirklich frei. Die Essstörung hat immer noch Macht über Dich. Damit ist die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall höher.
Deshalb ist es so wichtig, dass Du Dich mit Deinen Fear Foods auseinandersetzt. Nicht, weil Du „alles essen musst“. Sondern weil Du frei sein möchtest.
Möchtest Du lernen, wie Du diese Angst Schritt für Schritt überwinden kannst? → Hier zeige ich Dir 3 sichere Methoden
Wann Du professionelle Hilfe brauchst
Bevor wir weitergehen, muss ich etwas Wichtiges klarstellen:
Dieser Artikel ersetzt keine Therapie. Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Behandlung.
Ich bin Ex-Betroffene und Coach mit über 12 Jahren eigener Erfahrung mit Magersucht und Bulimie. Ich habe viele Frauen in ihrer Recovery begleitet.
Was ich Dir hier zeige, basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und bewährten Methoden aus meiner Coaching-Praxis. Diese Strategien können Dir helfen, erste Schritte zu machen und Deine Situation besser zu verstehen.
Bei schweren Symptomen oder akuten Krisen brauchst Du zusätzliche Begleitung. Dieser Artikel kann professionelle Behandlung sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen.
Warnsignale, die Du ernst nehmen solltest
Wenn eines der folgenden Warnsignale auf Dich zutrifft, hole Dir sofort professionelle Hilfe:
❌ Dein BMI liegt unter 18,5
- Das ist akute Unterernährung
- Dein Körper ist in Gefahr
- Du brauchst medizinische Überwachung
❌ Du hast Suizidgedanken
- Das ist ein psychiatrischer Notfall
- Rufe sofort die Telefonseelsorge an: 0800-1110111
❌ Du verletzt Dich selbst
- Ritzen, Verbrennen, Schlagen
- Das ist ein Zeichen, dass Du mehr Unterstützung brauchst
❌ Du bist sozial komplett isoliert
- Du gehst nicht mehr raus
- Du triffst keine Freunde mehr
- Dein Leben dreht sich nur noch ums Essen
❌ Du hast körperliche Symptome
- Kreislaufprobleme
- Ohnmacht
- Herzrhythmusstörungen
- Ausbleiben der Periode über Monate
❌ Du erbrichst mehrmals täglich
- Das ist gefährlich für Deine Speiseröhre, Zähne, Elektrolyte
- Du brauchst medizinische Hilfe
❌ Du hast mehrere Essanfälle pro Woche
- Die außer Kontrolle geraten sind
- Die Dein Leben bestimmen
Bei diesen Warnsignalen ist dieser Artikel nicht genug. Bitte, hole Dir Hilfe. Gerne können wir auch in einem gemeinsamen Gespräch schauen, ob und wie ich Dich unterstützen kann.
Die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst
Du hast jetzt gelernt:
✅ Fear Foods sind ein wissenschaftlich dokumentiertes Symptom von Essstörungen
- Sie sind real
- Sie sind häufig
- Sie bedeuten nicht, dass Du schwach bist
✅ Du bist nicht allein
- Fast alle Betroffenen haben Fear Foods
- Deine Ängste sind valide
✅ Fear Foods entstehen durch Angst, nicht durch Geschmack
- Die Angst vor Kontrollverlust
- Die Angst vor Gewichtszunahme
- Der Einfluss von Diätkultur
✅ Vermeidung macht die Angst schlimmer
- Je länger Du Fear Foods meidest, desto größer wird die Angst
- Das ist der Teufelskreis
✅ Professionelle Hilfe ist oft notwendig
- Essstörungen sind ernsthafte Erkrankungen
- Therapie und Coaching sind keine Schande, sondern ein Zeichen von Stärke
Deine nächsten Schritte
Du hast jetzt das Grundverständnis. Du weißt, was Fear Foods sind und warum sie entstehen.
Aber vielleicht fragst Du Dich jetzt: „Okay, und was mache ich jetzt damit?“
Hier sind Deine Optionen:
Option 1: Lerne, wie Du Fear Foods überwinden kannst
Ich habe einen ausführlichen Artikel geschrieben, in dem ich Dir 3 sichere Methoden zeige, wie Du Dich Schritt für Schritt Deinen Fear Foods nähern kannst. Mit wissenschaftlichem Hintergrund, Sicherheitscheck und praktischen Anleitungen.
Fear Foods überwinden – 3 sichere MethodenOption 2: Bereite Dich auf mögliche Rückschläge vor
Vielleicht hast Du Angst vor der Konfrontation selbst. Vielleicht fragst Du Dich: „Was, wenn ich Panik bekomme? Was, wenn ich die Kontrolle verliere?“ Dafür habe ich einen Notfallplan erstellt:
Hilfe nach der Fear Food Challenge – Was tun bei PanikOption 3: Hole Dir professionelle Hilfe
Wenn Du merkst, dass die Warnsignale auf Dich zutreffen, dann ist jetzt der Zeitpunkt, professionelle Hilfe zu suchen.
Das ist keine Niederlage. Das ist Selbstfürsorge.
Kostenfreies Kennenlerngespräch mit JaninaAbschließende persönliche Worte
Ich weiß, wie es sich anfühlt, vor einem Fear Food zu stehen und zu denken: „Das schaffe ich nie.“
Ich weiß, wie es sich anfühlt, lieber zu verhungern, als ein „verbotenes“ Lebensmittel zu essen.
Ich war da. Über 12 Jahre lang.
Aber ich bin hier herausgekommen. Und Du kannst das auch.
Das sage ich nicht leichtfertig. Ich weiß, wie schwer es ist. Ich weiß, dass es Rückschläge geben wird. Ich weiß, dass es Momente geben wird, in denen Du zweifelst.
Aber ich weiß auch, das es möglich ist.
Heute esse ich Pizza. Ich esse Nutella. Ich esse Käse.
Nicht, weil ich „mutig“ bin. Sondern weil ich frei bin.
Und diese Freiheit wünsche ich Dir von ganzem Herzen.
Du bist mehr als Deine Ängste ums Essen. Du bist mehr als Deine Essstörung.
Du bist es wert, ein Leben in Leichtigkeit zu führen.
Und ich glaube an Dich.
Alles Liebe, Deine Janina
„Das Geheimnis der Veränderung besteht darin,
dass man seine gesamte Energie nicht dafür verwendet,
gegen das Alte zu kämpfen, sondern Neues zu erschaffen.“
Socrates
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