Die hat viel längere Haare. Die hat einen viel dünneren Bauch. Die ist viel intelligenter. Die hat viel schlankere Beine als ich.
Wer kennt diese Gedanken nicht? Dieses automatische Scannen, wenn jemand an Dir vorbeigeht. Beine, Bauch, Arme. Und dann dieser Stich, weil Du wieder schlechter abschneidest.
Das ständige Vergleichen ist furchtbar anstrengend. Und das Schlimmste daran ist, dass wir immer schlechter dabei abschneiden. Immer. Denn wir vergleichen unsere Schwachstellen mit den Stärken der anderen. In der Psychologie nennt sich das Aufwärtsvergleich. Das bedeutet, wir schauen immer nach oben, zu denen, die vermeintlich besser sind. Und ziehen uns damit selbst herunter.
Ich habe mich jahrelang verglichen. Mit allem und jedem. Es fing als kleines Mädchen an und hörte nicht auf. Nicht als Teenager. Nicht als junge Frau. Weit über zwanzig Jahre lang.
Heute bestimmt das Vergleichen nicht mehr meinen Alltag. Aber der Weg dahin? War alles andere als leicht. Mit Rückschlägen. Mit Zweifeln. Mit Momenten, in denen ich dachte, es wird nie aufhören.
Doch es wurde besser. Heute zeige ich Dir, woher dieses Vergleichen kommt und wie ich aufgehört habe, mich damit selbst fertigzumachen.
Falls Du das kennst, lies weiter.
- Vergleichen ist ein Spiel, das Du nur verlieren kannst. Denn wir vergleichen unsere Schwachstellen mit den Stärken anderer. Das nennt sich Aufwärtsvergleich und zieht uns immer runter.
- Abnehmen stoppt das Vergleichen nicht. Denn solange Du Dich selbst als Problem siehst, findest Du immer neue Makel. Die Lösung liegt nicht im Verändern Deines Körpers, sondern im Verändern Deines Blicks.
- Drei Schritte helfen: Erst merkst Du, wann es passiert. Dann verstehst Du, warum. Und dann schaffst Du Dir Räume, in denen kein Platz für Vergleiche ist.
- Das Vergleichen kennen fast alle Frauen mit Essstörung. Es ist kein Charakterfehler. Es ist ein Muster, das Du verlernen kannst.
Als ich mich für einen Leberfleck schämte
Das Vergleichen begleitet mich, seit ich denken kann. Als kleines Mädchen hatte ich einen Leberfleck auf meinem rechten Arm, für den ich mich furchtbar geschämt habe. Es ging natürlich nie um den Leberfleck. Es ging darum, dass ich früh lernte, meinen Körper als Problem zu sehen. Ständig hielt ich meine linke Hand darüber. Im Sommer wollte ich keine T-Shirts tragen, weil andere das ja nicht hatten. Nur ich.
Dann waren da meine Haare. Ich hatte nie langes Haar. Alle anderen schon. Ich fragte mich oft, warum ich nicht auch solche Haare haben kann.
Doch mit 16 wurde aus dem Vergleichen etwas Dunkleres. Alle meine Freundinnen hatten einen Freund. Nur ich nicht. Und statt zu denken „Der Richtige kommt noch“, begann ich, meinen Körper zu zerlegen. Haben die eine bessere Figur? Liegt es an meinen Beinen? Was ist verkehrt mit mir?
Ich suchte den Fehler immer bei mir. Nie bei den Umständen, nie beim Zufall. Bei mir.
Ich verglich meine Schwachstellen mit den Stärken der anderen. Und so konnte ich nur schlecht abschneiden. Das machen wir übrigens alle. Wir vergleichen nie fair. Wir nehmen das Beste von anderen und halten es gegen das Schlechteste von uns selbst. Ein Spiel, das wir nur verlieren können.
Und ich? Ich beschloss, das Spiel zu gewinnen, indem ich mich verändere. Indem ich abnehme.
Warum Abnehmen das Vergleichen nicht stoppt
Als ich anfing abzunehmen, dachte ich, dass alles besser wird. Jetzt werde ich endlich zufrieden sein. Jetzt hört das Vergleichen auf.
Es hörte nicht auf.
Ich nahm ab und fand trotzdem neue Makel. Andere Stellen, die ich hasste. Frauen, die immer noch besser aussahen. Ich konnte einfach nicht zufrieden sein. Egal wie viel ich abnahm, es reichte nie.
Das Schlimmste waren meine Beine. Die waren immer meine „Problemzone“. Im Fitnessstudio trug ich Leggings und wickelte mir einen Pulli um die Hüfte. So fielen die Ärmel herunter und verdeckten meine Oberschenkel. Ich hatte sogar Angst, aus dem Fitnessstudio rausgeschmissen zu werden. Weil ich dachte, ich hätte zu dicke Beine, um dort sein zu dürfen.
Ich war im Fitnessstudio, um schlankere Beine zu bekommen. Und gleichzeitig versteckte ich sie, weil ich mich so sehr schämte.
Langsam wurde mir klar, dass ich etwas hinterher renne, das ich nicht bin und niemals sein werde. Ich wollte anders aussehen, anders sein, anders denken, anders handeln. Ich hasste mich einfach. Und kein Abnehmen der Welt würde das ändern.
Je mehr ich mich mit anderen beschäftigte, desto weniger war ich bei mir selbst. Ich analysierte stundenlang die Körper anderer Frauen. Und verlor mich dabei komplett.
Zwei Möglichkeiten
Wenn Du meine Geschichte kennst, weißt Du, dass ich durch meine Bulimie hätte sterben können. Dieser Moment hat alles verändert. Er hat mir gezeigt, dass ich so nicht weitermachen kann. Dass mein Körper nicht mein Feind ist, auch wenn ich ihn jahrelang so behandelt habe.
Ich stand vor zwei Möglichkeiten.
Entweder ich mache weiter wie bisher. Vergleiche mich jeden Tag. Verzweifle jeden Tag.
Oder ich finde einen Weg, mich so zu akzeptieren, wie ich bin.
Ich entschied mich für den zweiten Weg.
Das klingt jetzt vielleicht so, als wäre das eine schnelle Entscheidung gewesen. War es nicht. Es war ein Prozess. Aber diese Erkenntnis, dass ich zwei Möglichkeiten habe, war der erste Schritt. Ich konnte wählen, ob ich weiter gegen mich selbst kämpfe oder anfange, mit mir zu arbeiten.
Ich wählte mich. Zum ersten Mal.
Das bestätigt auch die Forschung. Eine Meta-Analyse mit 59 Studien zeigt, dass Selbstmitgefühl mit weniger Essstörungssymptomen und einem positiveren Körperbild zusammenhängt.
Die 3 Schritte, die mir geholfen haben (Plus eine Übung für Sofort)
Nach meinem Wendepunkt wusste ich, dass ich etwas ändern muss. Aber wie? Hier sind die drei Schritte, die mir wirklich geholfen haben.
Schritt 1: Merken, wann es passiert
Zuerst musste mir überhaupt auffallen, wann ich mich vergleiche. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Wenn Du das seit Jahren machst, läuft es automatisch. Du merkst es nicht mal mehr.
Ich bin abends den Tag durchgegangen. Es muss nicht lange sein, fünf Minuten reichen. Ich habe mich dann schriftlich gefragt:
- Wann hatte ich heute das Gefühl, schlechter zu sein als jemand?
- Was war das für eine Situation?
- War es im Fitnessstudio, als diese Frau mit den durchtrainierten Beinen reinkam? War es auf Instagram? Beim Mittagessen mit der Kollegin, die „nur einen Salat“ bestellt hat?
Ich habe das einfach alles rausgeschrieben. Und plötzlich sah ich Muster. Situationen, die mich immer triggern. Menschen, bei denen ich mich automatisch vergleiche.
Auch die Forschung zeigt, dass Achtsamkeit negativ mit Essstörungssymptomen zusammenhängt. Ganz besonders bei Körperunzufriedenheit und emotionalem Essen.
Schritt 2: Verstehen, warum ich das mache
Wenn Du merkst, in welchen Situationen Du Dich vergleichst, kannst Du tiefer gehen. Denn das Vergleichen ist nie das eigentliche Problem. Es ist ein Symptom.
Dafür kannst Du Dir schriftlich dann folgende Fragen stellen:
- Warum vergleiche ich mich eigentlich ständig?
- Warum glaube ich, dass ich nicht genug bin?
- Was fehlt mir, dass ich mir von „besser aussehen“ erhoffe?
Ich dachte früher, wenn ich dünner wäre, würde ich geliebt werden. Dass ich dann schöner wäre, und dazugehören würde. Das Vergleichen war nie wirklich über Beine oder Haare. Es ging um Zugehörigkeit. Um Wert. Um die Frage, ob ich okay bin, so wie ich bin.
Diese Erkenntnis kam natürlich nicht plötzlich an einem Tag. Sie kam durch viele Abende, an denen ich ehrlich hingeschaut habe. Manchmal in der Meditation, manchmal beim Schreiben, manchmal beim Spazierengehen, wenn es in meinem Kopf phasenweise ruhiger wurde.
Frag Dich doch einfach mal, was Du glaubst zu bekommen, wenn Du endlich „gut genug“ aussiehst. Liebe? Anerkennung? Sicherheit? Die Antwort zeigt Dir, worum es wirklich geht.
Schritt 3: Aufhören. Schritt für Schritt
Dieser Schritt funktioniert nur, wenn Du die ersten beiden gemacht hast. Ohne zu wissen, wann und warum Du Dich vergleichst, kannst Du nicht aufhören. Dann bekämpfst Du nur Symptome.
Und ich sage bewusst „Schritt für Schritt“. Erwarte nicht, dass das in einer Woche vorbei ist. Du machst das seit Jahren. Es ist in Deinem Gehirn eingebrannt wie ein Trampelpfad. Neue Wege brauchen Zeit.
Mir hat auch keine Willenskraft geholfen. Was mir half, war, mir andere Räume zu schaffen. Räume, in denen kein Platz für Vergleiche war. Zum Beispiel Yoga.
Nicht wegen der Fitness, sondern weil ich dort auf meiner Matte war, mit meinem Körper, ohne Spiegel, ohne Vergleich.
Zeit in der Natur. Bäume vergleichen sich nicht. Klingt kitschig, aber wenn ich draußen war, war mein Kopf stiller.
Schreiben. Nicht perfekt, nicht für andere. Einfach alles rauslassen, was in mir kreiste.
Meditation. Anfangs gehasst, heute unverzichtbar. Weil ich da gelernt habe, Gedanken zu beobachten, statt ihnen zu glauben.
Es ging also nicht darum, mir das Vergleichen zu verbieten. Der Trick war, so viel bei mir selbst zu sein, dass für andere kein Raum mehr war.
Wenn der Vergleichs-Gedanke kam, habe ich ihn bemerkt. Nicht bekämpft. Bemerkt. Und mich gefragt: Was brauche ich gerade wirklich? Meistens war die Antwort nicht „dünnere Beine“. Meistens war es Ruhe, ein freundlicherer Umgang mit mir selbst. Oder einfach ein Glas Wasser und fünf Minuten Pause.
Eine kleine Übung für sofort:
Versuch nicht, das Vergleichen komplett zu „löschen“. Das klappt nicht. Fang stattdessen mit dem Umbelegen an:
- Ertappen: „Aha, da ist der Vergleichsimpuls wieder.“ (Kurz lächeln. Du hast ihn erwischt.)
- Umlenken: Konzentriere Dich sofort auf eine reale, körperliche Empfindung (Deinen Atem, den Stoff Deiner Kleidung auf der Haut).
- Wahrnehmen: Spüre, wie der Vergleich im Kopf leiser wird, wenn Du Dich weigerst, ihn weiter zu füttern. Du bist jetzt hier. In Deinem Körper. Und das reicht.
Du bist gut, so wie Du bist
Das Vergleichen hat mich über zwanzig Jahre begleitet. Es war einer der Faktoren, die mich in eine Essstörung getrieben haben. Es hat mich glauben lassen, dass ich nur wertvoll bin, wenn ich anders aussehe. Dünner. Schöner. Perfekter.
Doch das war eine Lüge.
Du bist gut, so wie Du bist. Nicht erst, wenn Du fünf Kilo weniger wiegst. Nicht erst, wenn Du längere Haare hast. Nicht erst, wenn Deine Beine schlanker sind. Sondern jetzt. So wie Du gerade vor diesem Bildschirm sitzt.
Das zu glauben, ist schwer. Ich weiß. Es hat Jahre gedauert, bis ich es wirklich fühlen konnte. Aber es ist möglich.
Wenn Du Dich in diesem Artikel wiedererkannt hast, dann ist das bereits der erste Schritt. Bewusstheit. Du hast heute etwas über Dich gelernt. Vielleicht hast Du zum ersten Mal verstanden, warum Du Dich ständig vergleichst. Das ist nicht nichts. Das ist der Anfang.
Du kannst heute noch anfangen. Geh heute Abend Deinen Tag durch. Schreib auf, wann Du Dich verglichen hast. Frag Dich, was dahintersteckt. Kleine Schritte. Mehr braucht es am Anfang nicht.
Und wenn Du merkst, dass Du persönliche Unterstützung brauchst, dann ist das keine Schwäche. Du kannst Dir ein kostenloses Kennenlerngespräch buchen, in dem wir gemeinsam schauen, wo Du gerade stehst und was Dein nächster Schritt sein könnte.
Du hast es verdient, Dich nicht mehr jeden Tag fertigzumachen, sondern bei Dir selbst anzukommen.
Alles Liebe, Deine Janina
„Auch wenn das Leben voller Herausforderungen ist, gibt es immer die Möglichkeit, durch kleine Schritte und positive Veränderungen ein gesundes Gleichgewicht und neue Freude am Leben zu finden.“
Unbekannt
FAQs
Das ist individuell. Erwarte keine Veränderung in einer Woche, aber es dauert auch keine zehn Jahre. Die meisten merken nach ein paar Wochen, dass die Vergleichsgedanken leiser werden. Nicht weg, aber leiser. Und das ist bereits ein riesiger Fortschritt.
Ja, absolut. Das Vergleichen macht vor niemandem halt. Freundinnen, Kolleginnen, Fremde auf der Straße, Frauen auf Instagram. Das bedeutet nicht, dass Du eine schlechte Freundin bist. Es bedeutet, dass Dein Gehirn ein Muster gelernt hat. Dieses Muster kannst Du verlernen. Viele Frauen schämen sich dafür, aber Scham hilft nicht. Bewusstheit schon.
Lass ihn kommen. Bekämpfen funktioniert nicht. Bemerke ihn stattdessen: „Aha, da ist er wieder.“ Dann lenke Deine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas Körperliches, wie zum Beispiel Deinen Atem, Deine Füße auf dem Boden, den Stoff Deiner Kleidung. Der Gedanke wird leiser, wenn Du ihn nicht fütterst. Mit der Zeit wird das automatisch.
Quellenverzeichnis des Artikels:
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Turk, F., & Waller, G. (2020). Is self-compassion relevant to the pathology and treatment of eating and body image concerns? A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review, 79, 101856. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32438284/
