Ein privater Post

21.04.2021

Ich möchte gerne die Gelegenheit dieses Formates nutzen und noch einmal einen etwas privateren Post verfassen. Wie ging es mir während meiner Essstörung? Und wie war der Heilungsweg für mich? Wann ist es eigentlich passiert, dass ich so offen darüber reden kann? Denn jetzt gerade, wo ich hier sitze, auf meinem Bett, blicke ich zurück. Zurück auf das, was ich die letzten Jahre durchgemacht habe und wo ich nun stehe.

Ich bin stolz…

Und ja ich kann sagen, dass ich stolz auf mich bin. Ich habe es aus der Essstörung geschafft, ich kann mein Leben wieder genießen. Und es fühlt sich einfach so schön und unglaublich leicht an. Ich habe Energie für neue Dinge, meine Gedanken drehen sich nicht mehr den ganzen Tag ums Essen. Endlich kann ich wieder leben. Wenn mir jemand vor drei Jahren gesagt hätte, dass ich heute hier an diesem Punkt stehe, dass ich einen eigenen Blog habe und so offen darüber reden kann, dann hätte ich demjenigen einfach nicht geglaubt. Niemals hätte ich es für möglich gehalten.

Ich dachte die Essstörung wäre mein Schicksal…

In all den Jahren der Essstörung kamen die Gedanken hoch, dass es doch nicht normal sein kann, so lange essgestört zu sein. Für mich war klar, dass das mein Schicksal ist. Dass es dafür keine logische Erklärung gibt und auch keine Gründe. Zu meiner Zeit der Erkrankung gab es noch kein Instagram, Blogs, oder Onlinekurse, bei denen ich mich hätte informieren können.

Teilweise konnte ich selber einfach nicht glauben, wie viele Jahre ich schon in der Essstörung steckte. Es gab immer mal wieder Momente in den ganzen 12 Jahren, in denen es mir besserging. Da habe ich es vielleicht mal 4 Wochen ohne einen Fressanfall geschafft. Aber so richtig verstanden hatte ich nicht, warum ich in der Zeit keinen Essanfall hatte. Dennoch war ich weiterhin krank. Ich hatte vielleicht in der Zeit keinen Fressanfall, aber dennoch beschäftigten sich meine Gedanken den ganzen Tag mit Essen. Und jeder der davon betroffen war / ist, weiß wie zermürbend das Ganze sein kann.

Alles hat einen Sinn im Leben…

Und wenn ich jetzt zurückblicke sehe ich förmlich, dass alles so kommen sollte, wie es gekommen ist. Ohne meinen Tiefpunkt, wäre ich vielleicht niemals aufgewacht. Hätte nicht gecheckt, dass ich was ändern muss. Doch die Nacht war einfach so schrecklich, ich habe mich so sehr geschämt, dass ich nie wieder an diesen Punkt zurückwollte. Ich schwor mir, dass ich nie wieder einen Fressanfall haben möchte. Natürlich passierte dies nicht, denn trotz des Tiefpunktes hatte ich weiterhin Essanfälle. Aber der Unterschied diesmal war, dass ich etwas dagegen tun wollte.

Ich wehrte mich und suchte mir das erste Mal richtig Hilfe und vertraute mich den Menschen in meiner Umgebung an. In der Zeit brachte ich viele Opfer. Ich wechselte den Job, zog in eine andere Stadt, verließ meine WG, zog zu meinem Freund und ich brach den Kontakt zu meiner Familie ab. Aber genau das waren die Dinge die ich brauchte. Ich benötigte eine neue Umgebung, damit ich mir neue Gewohnheiten aneignen konnte. Zusätzlich brauchte ich einen neuen Job, damit ich auch da neu und unbefangen anfangen konnte. Und ich brauchte die Zeit, in der ich keinen Kontakt zu meiner Familie hatte. Um genau eines zu werden.

Gesund!

Rückblickend kann ich jetzt sagen, dass diese Zeit unglaublich hart war. Es gab so viele Tage an denen ich einfach nur weinend im Bett lag. Ich hatte keine Kraft, ich wusste nicht mehr weiter. Zu schauen, warum ich unter einer Essstörung litt, zerrte an mir und meinen Nerven. Ich habe oft gedacht einfach wieder zurückzugehen. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass es keine Option mehr sein würde. Und so kamen nach 2-3 Monaten die ersten Tage an denen es mir besserging. An denen ich die Leichtigkeit gespürt habe, die ich mir so sehr zurück ersehnt habe. Es ging mir täglich besser und ich spürte, dass ich genau das wollte. Und das es sich gelohnt hat diese Schritte durchzuziehen und vor allem auch durchzuhalten.

Frau auf Fahrrad im Sonnenuntergang ( ein Privater Post)

Ich bin ein neuer Menschen.

Ich bin frei und diese Freiheit kann und wird mir auch keiner mehr nehmen. Ich schäme mich nicht mehr für meine Essstörung und ich leugne sie auch nicht mehr. Denn sie gehört zu mir und meiner Geschichte. Und das ist auch der Grund, weshalb ich da so offen drüber reden kann. Sie ist ein Teil von mir und wird es auch immer bleiben. Am Ende kann ich sagen, dass ich sogar dankbar dafür bin. Denn ohne sie wäre ich nicht die, die ich jetzt bin. Ja ich weiß, dass hört man so oft. Aber glaubt mir, das ist wirklich so. Der Weg der Heilung ist kein einfacher Weg. Aber er lohnt sich. Man muss durchhalten und man wird am Ende dafür belohnt.

Alles Liebe.

Deine Janina

„Wenn Du loslässt hast Du zwei Hände frei“

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