Zwölf Jahre lang war ich gefangen in einer Essstörung. Erst Magersucht, dann Bulimie. Für mich war es ein scheinbar endloser Kreislauf aus Kontrolle, Angst und Scham. Also ja, ich kenne die täglichen Kämpfe der Essstörung, die jeden Gedanken und jede Handlung bestimmen. Bei mir war es damals so, dass der Wunsch, frei zu sein, gegen die Angst vor Veränderung kämpfte.
Jeden Tag wurde das Essen zum Feind. Ich hatte strenge Regeln, festgelegte Essenszeiten und trieb zwanghaft Sport. Mein Leben drehte sich nur noch um Kalorien, Gewicht und Kontrolle. Morgens um 4 Uhr aufstehen, Sport machen, putzen, arbeiten. Also alles war bis zum Abend durchgetaktet. Die einzige „Auszeit“ waren meine Essanfälle. Ich fühlte mich isoliert, unverstanden und zweifelte daran, jemals ein normales Leben führen zu können.
Mittlerweile habe ich schon vielen Frauen als Coach auf ihrem Weg aus der Essstörung geholfen. Doch bevor ich anderen helfen konnte, musste ich selbst meinen Weg in die Freiheit finden. In diesem Artikel teile ich meine fünf wichtigsten Schritte aus der Essstörung mit Dir.
Auch wenn es sich jetzt vielleicht noch unmöglich anfühlt – Heilung ist möglich. Dieser Artikel zeigt Dir konkrete Schritte, die Dich Deiner Freiheit näher bringen können. Lass uns gemeinsam Deinen Weg zur Heilung beginnen.
Verstehen lernen, wofür meine Essstörung stand
Der erste wichtige Schritt auf meinem Heilungsweg war es, zu verstehen, wofür meine Essstörung eigentlich stand. Das klingt vielleicht erstmal seltsam, oder? Wie kann eine Krankheit für etwas stehen? Das dachte ich zumindest erst, doch langsam lernte ich, meine Essstörung zu verstehen.
Bei mir war meine Essstörung eine Schutzstrategie. Sie beschützte mich vor Dingen, die ich damals nicht aushalten konnte. Ich wollte immer „Everybody’s Darling“ sein, nie anecken, keine Konflikte austragen. Innerlich spürte ich oft, dass ich „Nein“ sagen wollte, sagte aber trotzdem „Ja“. Ich versuchte, Kritik und Diskussionen um jeden Preis zu vermeiden.
Zudem war mein Alltag völlig durchgetaktet. In diesem straffen Zeitplan waren meine Essanfälle die einzigen Momente, in denen ich zur Ruhe kam. Dort konnte ich entspannen, durchatmen und den ganzen Druck loslassen. Es war mein privater Bereich, in den mir niemand hineinreden konnte.
Rückblickend verstand ich auch meine Magersucht. Sie war mein stummer Schrei nach Aufmerksamkeit und Liebe. Denn je dünner ich wurde, desto mehr sorgten sich meine Eltern um mich. Diese Fürsorge und Aufmerksamkeit hatte ich mir schon lange gewünscht. Das nennt man den „sekundären Krankheitsgewinn“. Das sind die Vorteile, die man unbewusst durch die Krankheit bekommt.
Wenn Du magst, nimm Dir Zeit, herauszufinden, welche Rolle die Essstörung in Deinem Leben spielt. Ein erster Schritt wäre hier, Dich zu fragen: Wofür steht Deine Essstörung? Was gibt sie Dir? Was beschützt sie?
Meine hindernden Verhaltensweisen identifizieren
Der zweite wichtige Schritt war es, die Verhaltensweisen zu erkennen, die mich in der Essstörung hielten. Das bedeutete, die Regeln zu identifizieren, die ich mir selbst auferlegt hatte. Dafür notierte ich mir eine Woche lang alle meine strengen Essens- und Sportregeln.
Bei mir waren das zum Beispiel strenge Zeitregeln fürs Essen. Ich durfte nicht vor 10 Uhr frühstücken. Natürlich galt, je später, desto besser. Beim Sport war der Plan, täglich zu trainieren. Oftmals schaffte ich “nur” viermal und fühlte mich dann extrem schlecht. Ein weiteres Muster war, dass ich nach der Arbeit direkt zum Kühlschrank lief. Diese Regeln waren mein Gefängnis. Erst als ich sie erkannte, konnte ich beginnen, sie zu verändern.
Selbst dann, als ich keine Essanfälle mehr hatte, hielten mich diese Verhaltensmuster noch in der „Quasi-Recovery“ fest. Das bedeutet, dass ich zwar keine akuten Symptome mehr hatte, aber immer noch nicht wirklich frei war. Denn echte Heilung bedeutet mehr als nur das Ende der Essanfälle.
Das Loslassen meiner Regeln machte mir Angst. Doch mit der Zeit wurde es leichter. Denn jede Regel, die ich infrage stellte, gab mir ein Stück Freiheit zurück. Jeder neue Weg fühlt sich erst fremd an – wir sind nun mal Gewohnheitstiere.
Nimm Dir einen Moment Zeit und denke an Deine täglichen Abläufe. Was sind Deine Regeln und Verhaltensmuster? Welche davon halten Dich vielleicht noch in der Essstörung gefangen?
Meine Beziehung zum Essen neu definieren
Der dritte wichtige Schritt auf meinem Weg war es, mich mit dem Essen selbst zu beschäftigen. Während ich meine emotionalen Themen aufarbeitete, musste ich auch lernen, mit dem Essen selbst umzugehen. Denn bei der Essstörung geht es nicht nur um das Essen. Trotzdem gehört es dazu. Da ich keinen Therapieplatz bekam, ging ich zunächst zu den Overeaters Anonymous, kurz OA.
Dort lernte ich, Lebensmittel zu meiden, die bei mir Essanfälle auslösten. Das half mir am Anfang sehr. Ich wurde stärker und hatte keine Rückfälle mehr. Doch irgendwann merkte ich: Das kann es nicht sein. Ich wollte nicht wie einige der Menschen in der OA-Gruppe enden, die seit 30 Jahren jeden Tag dasselbe essen, weil es ihr „sicheres“ Essen ist.
Also begann ich, mich langsam wieder an die „gefährlichen“ Lebensmittel heranzutasten. Es muss doch möglich sein, Schokolade, Chips oder Eis zu essen, ohne einen Essanfall zu bekommen. Das waren zumindest meine Gedanken. Schließlich haben ja nicht alle Menschen davon Essanfälle. Ganz vorsichtig, Schritt für Schritt, integrierte ich diese Lebensmittel wieder in meinen Alltag.
Ich brauchte klare Strukturen, die mir Sicherheit gaben, ohne mich einzuengen. Statt radikaler Verbote entwickelte ich neue Strategien im Umgang mit diesen Lebensmitteln. Ich lernte, auf meine Bedürfnisse zu hören und gleichzeitig meine Grenzen zu respektieren.
Welche Lebensmittel vermeidest Du aus Angst vor Kontrollverlust? Was könnten erste, kleine Schritte sein, Dich diesen Ängsten zu stellen?
Meine Visionen und Träume verfolgen
Der vierte wichtige Schritt war es, meine Visionen im Leben zu verfolgen. Die Essstörung hatte mir meine Lebensfreude geraubt. Ich wollte wieder das tun, was mir wichtig war.
Ich erinnere mich noch genau an einen Abend mit meinem Freund. Damals war ich völlig am Ende, erschöpft vom ständigen Kämpfen. Die Wochenenden verbrachte ich meist weinend auf der Couch. Da fragte er mich etwas Entscheidendes: „Was möchtest Du eigentlich erreichen? Was sind Deine Ziele?“
Ich begann einfach zu erzählen. Von meinem Wunsch, spontaner zu sein, nicht mehr alles durchzuplanen. In meiner Abizeit hatte ich beim Feiern immer feste Zeiten, wenn ich nach Hause musste. Ich trank Alkohol nur sehr kontrolliert. Alles war durchdacht, nichts passierte aus dem Moment heraus.
Noch am selben Abend packten wir die Gelegenheit. Wir fuhren auf einen großen Parkplatz und machten einen „fliegenden Fahrerwechsel“. Das heißt, bei langsamer Fahrt aus dem Auto springen und die Plätze tauschen. Das war mein erster Moment des echten Loslassens, wo ich nicht über Konsequenzen nachdachte.
Zudem wollte ich reisen und die Welt entdecken. Schon im Studium wollte ich eigentlich ein Auslandssemester absolvieren. Aber die Essstörung hielt mich zurück. Selbst bei einer Studienfahrt nach China war sie ständig präsent und raubte mir die Freude.
Mein größter Traum war es, anderen Menschen zu helfen, die Ähnliches durchmachen. Doch dafür musste ich es erstmal selber schaffen. Als ich es geschafft hatte und viele Weiterbildungen absolvierte, gründete ich Lebensleichter. Und auch mein Traum vom Reisen wurde wahr. Seit Oktober 2022 sind wir nur noch mit Handgepäck unterwegs. Wir haben alle unsere Möbel verkauft und leben ein Leben in Freiheit. Die Entscheidung, alles hinter uns zu lassen, hat mich nochmal wachsen lassen.
Eine Vision muss nicht sofort Realität werden. Ich habe auch nicht direkt alles in Deutschland hinter mir gelassen, sondern habe erstmal wieder eine Salami-Pizza gegessen. Wichtig ist: Glaub an Deine Träume und beginne heute mit dem ersten Schritt.
Welche Aktivitäten oder Orte vermisst Du in Deinem Leben? Welchen ersten Schritt könntest Du heute gehen?
Mich meinen Ängsten stellen
Der fünfte und vielleicht wichtigste Schritt war es, mich meinen Ängsten zu stellen. Heute erinnert mich mein „Dare to“-Tattoo daran, dass ich Angst überwinden kann. Denn vor so vielen Dingen hatte ich Angst.
Am Anfang waren es die kleinen Dinge. Ich hatte zum Beispiel Angst davor, im Fitnessstudio nach einem Gerät zu fragen. Ich lief immer wieder am Tresen vorbei, traute mich aber nicht zu fragen. Bis ich mir eines Tages sagte: „Janina, wenn Du vor etwas Angst hast, dann machst Du es erst recht.“ Also ging ich hin und fragte – und oh Wunder, es passierte einfach nichts Schlimmes.
Nach dem Fitnessstudio wagte ich mich an größere Herausforderungen. Der Kontaktabbruch zu meiner Familie war eine meiner größten Ängste. Ich wusste, dass ich diesen Schritt gehen musste, und tat es trotz der Angst.
Auch bei unserer Entscheidung, alles hinter uns zu lassen, kamen viele Ängste hoch. Was ist, wenn wir krank werden? Was ist, wenn es nicht klappt? Was ist, wenn einer von uns ins Krankenhaus muss? Genauso war es während der Essstörungzeit: Was ist, wenn ich nur noch zunehme und es nie aufhört? Was ist, wenn durch den Sportverzicht alle meine Muskeln verschwinden? Da, wo die Angst ist, ist der Weg und dort wächst Du.
Welche konkrete Situation macht Dir heute am meisten Angst?
Fazit
Nach zwölf Jahren Essstörung fand ich durch diese fünf Schritte meinen Weg aus der Essstörung. Jeder Schritt war wichtig, vom Verstehen meiner Essstörung bis zum Überwinden meiner Ängste. Es war kein gerader Weg, aber jeder kleine Schritt brachte mich meiner Freiheit näher.
Heute weiß ich: Der Weg aus der Essstörung ist so individuell wie Du selbst. Vielleicht erkennst Du Dich in einigen meiner Erfahrungen wieder? Vielleicht ist Deine Geschichte ganz anders. Das ist völlig in Ordnung. Was zählt, ist Dein erster Schritt – egal wie klein er sein mag.
Du kennst jetzt viele Möglichkeiten, Veränderungen anzustoßen. Wenn Du Unterstützung auf Deinem Weg suchst, buche Dir gerne ein kostenfreies Kennenlerngespräch. Dort tauschen wir uns unverbindlich aus. Wir lernen uns kennen und schauen gemeinsam, wo Du gerade stehst und was Dich beschäftigt. Ich stelle Dir auch meine Arbeitsweise vor und beantworte alle Deine Fragen.
Liebe Grüße
Deine Janina
„Manchmal bedeutet Stärke nicht, festzuhalten, sondern loszulassen.“
Hermann Hesse, Schriftsteller